S Baselbiet 

(akt. 10.07.2004 ) Pressebüro © Marc Gusewski   Email-Formular


Der unzerstörbare Captain Eddie

ABENTEURER / Alles andere als ein „Sesselpupser“ war Edward Vernon Rickenbacker, Sohn Zeglinger Auswanderer und Hauptdarsteller seiner eigenen amerikanischen Bilderbuchkarriere. Vor 30 Jahren starb er am 23. Juli in der Schweiz.

23.7.03, Liestal. Auf den Namen des „Grossen Unzerstörbaren“ taufte ihn die Tageszeitung „Boston Globe“ auf ihrer Titelseite. Eddward Vernon Rickenbacker war schwer angeschlagen, aber er hatte überlebt. Er verlor 60 Pfund, seine Haut war sonnenverbrannt und von Salzwassergeschwüren verunstaltet. Ein Rettungsflugzeug fand ihn und seine Kollegen nach 22-tägiger Odyssee mit dem Rettungsfloss auf dem Pazifik. Im September 1942 war ihre Boeing B17 auf dem Rückflug einer Inspektionstour von Honolula in die Staaten, als Treibstoffmangel sie zur Notwasserung zwang. Unterm Titel „Captain Eddie“ wurde die abenteuerliche Episode verfilmt. Nach eigener Zählung war der Rennfahrer, Autokonstrukteur, Pilot und Jagdflieger mindestens 135 Mal dem Tod entronnen...

Geboren wurde er am 8. Oktober 1890 in Columbus, US-Bundesstaat Ohio als drittes von acht Kindern eines Auswandererpaars aus Zeglingen. Sein Vater war Taglöhner und für einen Handlanger dessen Heimatsprache stets sein gebrochenes Englisch durchdrang und die Verständigung erschwerte, waren die Verdienstmöglichkeiten begrenzt. Edward dagegen passte sich rasch den Verhältnissen an. Seinen Namen anglisierte er zu Rickenbacker statt Rickenbacher. Den zweiten Namen Vernon legte er sich zu, da er „klasse tönte.“ Rickenbacker rauchte mit fünf, führte eine Kinderbande an und beherzigte sein Leben lang das Motto seines Vaters, nie zu zögern eine Gelegenheit wahrzunehmen.

Mit 16 entdeckte Rickenbacker seine Zuneigung zu Automobilen. Diese galten damals als technische Verrücktheiten. Man billigte diesen gerade eine Zukunft als Vehikel exzentrischer Figuren. 1914 stellte Rickenbacker einen Geschwindigkeitsrekord auf. 1916 flog er sein erstes Flugzeug. Dabei litt er gewöhnlich an Schwindel, sobald er grössere Höhen erklommen hatte, aber beim Fliegen war dies egal. Seine Passion für Flug- und Fahrmaschinen hielt seine Vorgesetzten bei der Armee an, den Piloten für Flugeinsätze im Ersten Weltkrieg einzusetzen. Hier litt er anfangs stark an seiner sozialen Herkunft. Gewöhnlich rekrutierten sich die Piloten aus der gesellschaftlichen Elite. Rickenbacker wurde als dahergelaufener Halbstarker qualifiziert, den man schnitt.

Im Krieg absolvierte Rickenbacker 300 Stunden Kriegseinsätze, überlebte 134 Flugduelle und ging aus 24.33 Gefechten, wie die US-Airforce säuberlich auseinanderdividierte, siegreich hervor, soviel wie kein zweiter Pilot. „Amerikas As der Asse“ feierte ihn die Presse. Rickenbacker verabscheute diese Zuschreibung, weil sie mit „dem Verwesungsgestank des Todes“ verbunden war.

Nach dem Krieg wandte sich Rickenbacker der Autoproduktion zu. Er gründete mit anderen die Rickenbacker Motor Company in „Motown“ Detroit. Höhepunkt war 1922 die Präsentation des Rickenbacker Super Coupe. Ein Fahrzeug, das erstmals an allen vier Rädern Bremsen aufwies. Die von Wirtschaftskrisen gezeichneten Zwischenkriegsjahre machte allen zu schaffen. 1927 ging die RMC Konkurs. Aus schierer Not schuf er eine Comicstrip-Serie für Zeitungen, Ace Drummond, und verfasste ein Buch mit den Kriegserlebnissen: „Fighting the Flying Circus“.

Anfangs 30er Jahre erhielt er die Möglichkeit, sich bei der Luftfahrtgesellschaft Eastern zu beteiligen. Hier stieg er in rascher Folge in der Hierarchie auf. Er zählte zu den Pionieren der modernen Networks, indem er Flugzeuge erstmals fahrplanmässig zwischen Städten verkehren liess, unabhängig davon, ob Passagiere gebucht hatten oder nicht. Das war aber erst in den 60er Jahren. Im Zweiten Weltkrieg erhielt er einen Ruf als Berater der Luftwaffe, in deren Mission er seine berühmte Notwasserung erlitt. Später, mit 73 Jahren zog sich Rickenbacker aus der Eastern zurück. Sein letzter Lebensabschnitt war von ein Umzügen gezeichnet, da er und seine Frau mit der Ruhephase auf unvertrautem Fuss standen. 1972 überlebte Rickenbacker knapp einen Schlaganfall, erholte sich. Kurz darauf, 1973 starb er auf einer Reise in die Schweiz an Lungenentzündung. Seine Asche wurde neben jener seiner Mutter in Columbus, Ohio, beigesetzt. Vier Jetflieger ehrten ihn dabei mit einem speziellem Air Force-Formationsflug, dem „Vermissten Mann“, einem letzten Tribut für ein Teammitglied.

 

Gemeinde lässt ihr Trinkwasser auspendeln

 

10.5.03 Als vermutlich erste Gemeinde in der Schweiz ist in (externer Link:) Frenkendorf im offiziellen Auftrag die Trinkwasserversorgung nach übersinnlichen Kriterien ausgependelt worden. Es gibt aber auch deutlich messbarere Erfolge vorzuweisen - beim Stromsparen.

 

Frenkendorf. Die Menschen unter dem „Adler" „si en eigne Schlag" - zumindest was ihre in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Trinkwasserversorgung und deren über die Kantonsgrenzen hinaus weit überdurchschnittlich effiziente Bewirtschaftung angeht.

Am Mittwoch (7.5.) versammelten sich auf Initiative der ebenso nützlichkeitsorientierten wie weltanschaulich offenen Gemeinderätin Esther Mohler-Conzett ein Dutzend Interessierte um den Enthüllungen des esoterisch wie technisch beschlagenen Hydro-Ingenieurs, Rutengängers und passionierten Pendlers Bernhard Hiller (Steffisburg BE) beizuwohnen: Frenkendorf verfügt demnach über ein im metaphysischen Sinn über alle Massen hinaus heilkräftiges Trinkwasser, besonders der Schmittibrunnen mitten im Zentrum.

Was am Mittwochabend für einige verblüffende, parallele Entdeckungen sorgte: So gilt nach Hiller der Schmittibrunnen als herausragend heilkräftig – diese Anlage, mit eigener Quellfassung am „Madlen" (bzw. „Adler") geniesst seit altersher einen besonderen Stellenwert, wusste ergänzend Bauverwalter Fritz Weiss beizutragen. Hiller, der die Trinkwasserversorgung auf Wunsch der Gemeinderätin auspendelte, identifizierte neben dem Schmittibrunnen auch die Anlage beim Bad Schauenburg als überaus wertvoll, „heilend" sowie bekömmlich. Bernhard Hiller: „Sie verfügen über wertvolles Trinkwasser – man wird deshalb zu ihren Brunnen pilgern." Allerdings hat Frenkendorf gegenüber den meisten Gemeinden einen ebenso irdischen, wie offenbar auch metaphysisch interessanten Standortvorteil: es bezieht normalerweise über zwei Drittel seines Trinkwassers aus natürlichen Quellen - und nicht, wie bei 90 Prozent der Trinkwasserversorgungen, aus dem Grundwasser.

Gegenüber der BaZ räumte Gemeinderätin Esther Mohler-Conzett ein, dass die Auspendlung auch als haarscharf am Obskurantismus vorbei bewertet werden könne. „Für mich ist das Gebiet ungeheuer spannend", sagt sie: „Es ist so faszinierend, dass man sich nicht verschliessen kann und darf. Wer’s kritisiert, bitte. Aber es heisst ja: ‚Glauben macht selig’ – das ist eben auch persönliche Ansichtssache", erklärt die Experimentierfreudige. Sie sagt, allfällige Anwürfe werde sie zu begegnen wissen.

Ingenieur Hiller selbst sieht sich als weltoffenen, interessierten Laien. Normalerweise arbeitet er ganz nach konventionellen Kriterien an Wasserversorgungen. Hiller erwarb sich sein esoterisches Wissen autodidaktisch und im Gespräch mit ähnlich gelagerten Wissbegierigen, sei es das Pendeln oder Rutengehen. Der Ingenieur, selbst ausgebildet an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich ETHZ, verweist insbesondere auf Wahrheiten der feingeistigen Natur. Und, dass es eben auch schwer Erklärliches in der Welt gebe. Er fühlt sich dafür empfänglicher als andere. Hiller pendelte schon das Wasser verschiedenster Quellen und Brunnstuben aus, und gibt sich davon fasziniert. Hiller ist auch bekennender Fan der sogenannten „Kraftorte"-Bewegung, wonach es besonders „Energie-reiche" Plätze gibt, die Menschen mit positiven, übersinnlichen Energien aufladen. Hillers Fazit ist ebenso schlicht wie ergreifend: im Wasserschloss Schweiz müsse dem existenziellen Element so oder so mehr Beachtung geschenkt werden, er unterstreicht dies mit gebetähnlichen Würdigungen, die ans Wasser gesprochen werden.

„Energie" ist überhaupt das Stichwort für Mohler-Conzett: Innert zwei Jahren schafften es die Gemeinderätin und ihr Team, die Wasserverluste um zwei Drittel zu senken – damit einher geht eine Elektrizitätseinsparung um nahezu 10'000 Franken jährlich – womit die im vorhinein nötigen Aufwändungen mehr als überkompensiert werden. Die Gemeinde spart also dreifach: Wasser, Energie, und Geld. Für dieses Tripel-Massnahmenpaket findet Mohler-Conzett derzeit bei den Brunnmeistern von weit und fern Anerkennung, am Freitag trafen sie sich in der Gemeinde. Wenn folglich in der ganzen Schweiz wie in Frenkendorf das Trinkwasser bewirtschaftet würde, könnte die Menge eines Stromverbrauchs einer Kleinstadt erübrigt werden – vom Stopp der Verschwendung zu schweigen.

 

Billiger Kaffee - 

bittere Not

2.10.02 Genussmittel und gerechter Welthandel / Gegen die bittere Not der Kaffee-Erzeuger kämpft der Birsfelder Kaffeeröster Frank Engler. Er zählte zu den ersten in der Schweiz, die sich für gerechten Handel und Biokaffee einsetzten – heute nötiger denn je.

 

Birsfelden. „Es ist schlimm, unter welchen Bedingungen gegenwärtig die Kaffeeerzeuger leben müssen,“ sagt Frank Engler in Birsfelden, Eigentümer der genau 70 Jahre alten regionalen Traditionsrösterei Fritz Bertschi AG. Die englische Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam veröffentlichte eben einen erschütternden Bericht. Geschildert werden Verhältnisse so schlimm wie nie, weil die Preise teilweise unter denen der Produktionskosten liegen.

Oxfam rechnete aus, wieviel Kilogramm ein Pflanzer für den Gegenwert eines Schweizer Offiziertaschenmessers früher und heute verkaufen musste: 1980 genügten 4,1 Kg - heute sind 10,4 nötig. Die Landwirte der Ersten Welt hätten unter diesen Bedingungen längst revolutzt – aber die 25 Millionen Kaffeeerzeuger verelenden unter dem ungeschützten Preiskampf, der weiter vorangetrieben wird, verhungern und/oder wandern ab in die Slumviertel der Mega-Städte.

 

1986: Ödnis für fairen und umweltgerechten Kaffee

 

Bereits vor sechzehn Jahren erkannte Frank Engler, dass der Kaffeeanbau in den Ländern des Südens auf Kosten der Umwelt ging, und dass der stete Preisdruck der Verbrauchernationen der Ersten Welt auf Dauer unhaltbare Bedingungen schaffen würde. Nach dem Schock von „Schweizerhalle“ diskutierte die Region über Mittel und Wege, möglichst biologisch erzeugte Lebensmittel zu favorisieren, Engler wollte gerne mittun. Seine Rechercheergebnisse damals: „Das gab es einfach nicht“, erinnert er sich.

 

1991 traf er in Frauenfeld den Niederländer Padre Frans VanderHoff, den geistigen Vater der Max Havelaar-Idee. Mittlerweile hatte der Birsfelder zwar Biokaffeesorten ins Sortiment genommen, die dank der Offenheit vieler Baselbieter für Umweltschutz überdurchschnittlich gut ankamen. Aber die Idee eines umweltgerecht erzeugten, und gleichzeitig auch unter akzeptablen sozialen Bedingungen grossgezogenen Kaffees, wie sie VanderHoff vertrat, begeisterte ihn. Frank Engler sagt: „Dieses Getränk ist eine wunderbare Gabe – aber sein Geschmack darf nicht verfälscht werden durch Not und Ausbeutung.“

 

Hinter glanzvollen Fassaden Kaffee zu Dumpingpreisen konsumieren?

 

Tief berührt zeigt sich Frank Engler von seinen Besuchen bei Kleinbauern und Kaffeeerzeugern in Süd-Mexiko (Oaxaca), Costa-Rica, Venezuela und Guatemala, unter anderem. „Die Menschen geben, was sie können. Und gleichzeitig verstehen sie nicht, weshalb sie sowenig für ihre Arbeit erhalten.“ Gleichzeitig würden die Menschen Südamerikas im Fernsehen die glanzvollen Fassaden des Nordens sehen, wo Geld keine Rolle zu spielen scheint. Frank Engler ist es deshalb ein Herzensanliegen, mindestens über fair gehandelte Landwirtschaftsprodukte für einen kleinen Ausgleich zu sorgen.

 

Heute kann der Birsfelder ein weltweit wohl einmaliges Spitzenresultat für einen Röster verweisen: 60 Prozent der von ihm abgesetzten Produkte sind fair gehandelt und umweltschonend angebaut. Vor zehn Jahren kam ihm die Organisation Max Havelaar, mit Sitz in Basel, gerade zu recht. Sie lancierte ein Warenzeichen für gerechten Welthandel eben das Signet „Max Havelaar,“ das zuvor in Holland Furore macht. In einem anderen Zusammenhang berichtete letztes Jahr Havelaar-Mitarbeiterin Chantal Guggenbühl in Liestal von ihren Ergebnissen: „Wir haben dafür gesorgt, dass die Gerechtigkeit auch in die Regale der Supermärkte einzieht.“ Dies geht so: Indem die Basler ihren angeschlossenen Erzeugern, die bestimmte soziale und Umweltkriterien einhalten, 75 US-Cents mehr pro Pfund vergüten, sorgen sie so für kostendeckende Verhältnisse. Frank Engler sagt: „Es war höchste Zeit für eine Stiftung wie Max Havelaar.“

 

Kleine Bohne – ganz gross

 

Kaffeeröstereien / Im Baselbiet, dank der ursprünglich wichtigen Hafennähe, arbeiten die grössten Röstereien der Schweiz. Regionale Kaffeezubereiter konzentrieren sich auf die Nischen und auf altvertraute Kundenbeziehungen.

 

Birsfelden. „Hier sehen Sie, so durchgeröstet muss sie sein,“ Bruno Meier knackt die braunschimmernde Bohne, ihr Kern ist dunkel. Er ist Produktionsleiter der Migros Betriebe Birsfelden (MBB). Wäre die Bohne noch grün, würde sie magenreizende Bitterstoffe abgeben.

 

Der Kaffeezauber liegt in der Röstung

 

Es ist die Röstung, die den Kaffee macht. Erst sie verwandelt die Frucht der Coffea Arabica oder Robusta (die Hauptsorten) zum Genussmittel. Die Schweizer geniessen am viertmeisten nach Finnland (12 Kilogramm), Schweden, Dänemark mit acht Kilogramm pro Kopf. Das sind 55'000 Tonnen Rohkaffee pro Jahr. Davon verarbeitet Bruno Meier 12'000 Tonnen. Nicht weit, in Pratteln befinden sich die vergleichbar grossen Röstereien der Coop und der „Kraft Foods“ (Jacobs Kaffee etc.) – im Baselbiet werden also mehr als die Hälfte des Inlandsbedarfs an Kaffee auf- und zubereitet.

Meier hat eben ausgebaut und zwölf neue Arbeitsplätze geschaffen: „Man merkt den Siegeszug der Vollautomaten,“ sagt er. So ist das Halbpfundpack fast verschwunden zugunsten der Pfund- und Kilopackungen. Hier werden in drei Produktionsstrassen mehrschichtig Kaffeebohnen zubereitet. Meier: „Wir sind stolz darauf, dass unserer fairer Biokaffee bei der Kundschaft auf Interesse stösst.“

 

Die Mega- und die Nischenplayer

 

Im Vergleich zum Mega-Röster MBB wirkt die Fritz Bertschi AG, die etwa fünfhundert Meter Luftlinie entfernt liegt, vergleichsweise Nischen-orientiert: etwa 220 Tonnen verarbeitet Frank Engler (s. nebenstehender Text). Obwohl sie 1960 die erste vollautomatische Rösterei der Schweiz war, wirkt alles wie Handarbeit. Der Röstprozess, gesteuert von der feinen Nase des Röstmeisters, dauert etwa 15-22 Minuten pro Charge.

 

Bertschi ist Biopionier. Auch die Migros erwarb sich früh diesen Ruf. Aber an Ausruhen kann nicht gedacht werden: Erst etwa 1200 Tonnen des hierzulande verkauften Röstkaffees, davon also zehn Prozent alleine von Engler, Birsfelden, sind zu fairen Bedingungen erzeugt worden. Ein Ergebnis, so ernüchternd wie eine Tasse starken Kaffees. 

Externe Links: 

Fritz Bertschi Kaffee AG

Migros Betriebe Birsfelden

Max Havelaar

 

 

Mega-Chinaschilf endet gut für Bodeneinstreu

Ausgespielt - Chinaschilf an Schweizer Tankstellen steht weiterhin aus

Teil 2: Die auf Wirtschaftlichkeit angelegten Unternehmen im Umfeld des Chinaschilfs sind – im Baselbiet – alle Pleite weiter

Teil 3: Was ist Chinaschilf?

10.9.02 Der nachwachsende Rohstofftraum vom Chinaschilf ist im Baselbiet ausgeträumt und auf dem Boden der Realitäten angekommen: als Bodeneinstreu. Dennoch gelten die Zukunftschancen als intakt.

Liestal. 100 Millionen FrankenInvestitionen für anderthalb Prozent zu erkämpfenden Marktanteil des Inlandtreibstoffbedarfs, gewonnen aus neu anzubauendem Chinaschilf. Bauern zu Energiewirten! Das waren die Skizzen, die Regierungsrat Werner Spitteler und seine Berater damals zeichneten. Ende April 1992 nahm ihre Idee schwindelerregende Dimensionen an, als sie im Bad Bubendorf präsentiert wurde. Nicht kleckern, sondern klotzen hiess die Devise. 300'000 Franken hatte sich die Wirtschaftsförderung eine Machbarkeitsstudie kosten lassen, die in dem aberwitzigen Projekt gipfeln sollte. Zehn Jahre später ist die Euphorie verdampft. Dafür, durch den abgebbten Überschwang, wird nun der Blick auf die Realität frei. Die heisst: unter den richtigen Bedingungen gedeiht Chinaschilf und bietet Chancen.

 

Für Werner Mahrer, Dienststellenleiter des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain in Sissach ergeben sich auffällige Parallelen zum Biolandbau: „Was hat man sich darüber lustig gemacht, als er eingeführt wurde – und heute?!“ Entsprechend sieht er intakte Chancen für Chinaschilf - aber das wird seine Zeit benötigen. In der Euphorie damals hat man wahrscheinlich die eigenen Mittel über-, und die Einführungsprobleme zweckoptimistisch erheblich unterschätzt. Kommunikationspsychologen nennen dies: „Kognitive Dissonanz“ oder: „Selektive Wahrnehmung.“ So wurde den Bedenken, die ja vorhanden waren, einfach zu wenig Raum gegeben.

 

Werner Mahrer, der damals nur am Rande beteiligt war, drosselt allzu heftige Kritik als unsachlich ab: „Nur mit diesem Überschwang haben wir vom Baselbiet aus die Debatte um nachwachsende Rohstoffe in der Schweiz anstossen können. Stellen Sie sich vor, wenn man mit halber Kraft darangegangen wäre? Wäre dann etwas geschehen?“ Im Rückblick auf die Jahre um 1992 sieht er vor allem grosse Begeisterung und Überschwang. Ein Gefühl des: „Wir packen das schon.“ Angesichts des Potentials, das Chinaschilf den Landwirten zu versprechen schien, war dabei ein Gefühl für Vorsicht und Bescheidenheit verlorengegangen. Man wollte in den Treibstoffmarkt, indem Chinaschilf zu Alkohol vergoren wird. Man wollte in den Verpackungs- und Einweggeschirrmarkt. In Ormalingen sollten Chinaschilfprodukte zu guter Letzt energetisch verbrannt und zu Ökostrom verwertet werden – der kleine Rest wäre kompostierbare Asche und Wasserdampf gewesen. Das Baselbiet als Mekka der nachwachsenden Rohstoffe und des Ökostromes, so lautete der schöne Traum.

 

Was ist schief gelaufen? Die Probleme bei der Verstromung von Chinaschilf in Ormalingen wurden hinlänglich bekannt: dasVerbrennungsverhalten dieser Grasart, auch Elefantengras genannt (Miscanthus) und in Europa als Gartenzierpflanze wohlbekannt, unterscheidet sich deutlich z.B. von derjenigen von Holz. Krass unterschätzt wurde der technische Aufwand zur Anpassung der Verbrennung an die Pflanze. Die Ormalinger Trägerschaft, Kanton, Bund und Gemeinde, ging gleich auf Tutti, und scheiterte.

 

Die Anwendung des Rohstoffs Chinaschilf als Kunststoffersatz. Sie erwies sich als wesentlich komplizierter, entbehrungsreiche Entwicklungsarbeit voraussetzend, und teurer als man sich gedacht hatte. Zwar zeigte sich das Elefantengras, wo es gut anwuchs, als sehr produktiv – aber als Massenrohstoff für einen künftigen Grosseinsatz in der kleinräumigen Schweiz als zu exklusiv. Der andere grosse Hoffnungsträger – die Automobilindustrie – experimentiert nachwievor mit nachwachsenden Rohstoffen – aber grösstenteils weit von der Anwendungsreife entfernt.

 

Die Umwandlung von Chinaschilf zu Aethanol, einem Alkoholprodukt, das zur Energiegewinnung eingesetzt werden kann, ungefähr wie die Treibstoffgewinnung aus Zuckerrohr in Brasilien. Hier reichte es nichtmal für eine Testanlage, weil weder das Verfahren hinreichend bekannt war, noch dessen Kosten, noch die technisch damit verbundenen Probleme – der Traum verflog wie im Rausch, und mit jedem Tag zeigte sich, dass die Umsetzung weit aufwändiger würde, als angenommen. Weitere Faktoren traten hinzu, die damals einfach nicht in Rechnung gestellt wurden: Die Rezession der 90er Jahre, zwischenmenschliche Enttäuschungen, Anbau-Erprobungsschwierigkeiten, der spottbillige Erdölpreis – aber auch der technische Fortschritt bei den synthetischen Kunststoffen andererseits.

Im Chinaschilf-Vergleich mit anderen Regionen steht das Baselbiet weder schlechter noch besser da als z.B. Bayern, verhältnismässig gesehen. Anders als in Bayern und Baden-Württemberg, droht hier allerdings der Überschwang nun in Ablehnung umzuschlagen. Soweit dürfe es nicht kommen, mahnt etwa der Wenslinger Landwirt und SVP-Politiker mit einem Faible für Experimente, Max Ritter, der die Geschehnisse aus der Distanz verfolgte.

 

Der Ormalinger Andreas Itin, Präsident der Interessengemeinschaft der Biorohstoffe Schweiz, gibt sich realistisch: „Als Bodenabdeckung zum Beispiel bei Beerenkulturen, aber auch als Einstreu eignet sich Chinaschilf.“ Auch als Torfersatz und Kompostzuschlagsmittel findet er Verwendung. Rund 16 Hektaren werden heute im Baselbiet beerntet – ein Zehntel der insgesamt in der Schweiz angebauten Fläche. Weiterhin laufen in der Ostschweiz Versuche, Chinaschilfnutzungen zu industrialisieren. Auch als bodenschonende Energiepflanze hat sie ihren Stellenwert: Sie ist viermal produktiver als ein vergleichbares Stück Wald, dessen Hackschnitzel heute zahllose Wohneinheiten heizen, die an Nahwärmeverbunde angeschlossen sind. Werner Mahrer und Andreas Itin stehen zum Chinaschilf – Zeit zum Träumen haben sie allerdings nicht.

 

Teil 2: 

Himmelhohe Euphorie – tiefe Verluste

Zu Teil 1

Teil 3: Was ist Chinaschilf?

 

Die auf Wirtschaftlichkeit angelegten Unternehmen im Umfeld des Chinaschilfs sind – im Baselbiet – alle Pleite.

 

Liestal. Ein Dreh- und Angelpunkt der landwirtschaftlichen Entwicklung und Verwertung des Chinaschilfes sollte die Birosto AG (IG Biorohstoffe) sein, die im Dezember 1992 mit 504'000 Franken im Handelsregister eingetragen wurde – und derzeit liquidiert wird. Motoren dieser Gesellschaft waren Rudolf Speiser von Anwil, Werner Spitteler und andere. Darunter auch der Bottminger Landwirtschaftsprodukte-Handelsexperte Felix Zivy als Hauptgeldgeber. „Es herrschte eine grosse Euphorie“, erinnert sich Zivy, „aber die Landwirte waren keine guten Kaufleute.“ Die Gesellschaft ist schon lange inaktiv.

„Dazu will ich mich nicht äussern“, sagt Max Ritter, der Wenslingern Bauernexponent, der die Chinaschilfszene stets aufmerksam verfolgte, aber deutlich kritisch. Die Zurückhaltung der Bauernsame hat ihren Grund: denn Werner Spitteler und Rudolf Speiser haben mit ihrem Ansteckungsvermögen den einen oder anderen überredet, Aktien der Birosto AG zu zeichnen – die heute das Papier nicht mehr wert sind – bei keinerlei praktisch verwertbaren Aktiven. Das Stichwort Birosto AG sorgt denn auch noch für Wallungen. Sich nicht dazu befragen lassen, will sich auch Rudolf Speiser. Seine neue Firma, zu der er noch nichts sagen mag, heisst „Öko-Produkte“ und befasst sich laut Handelsregistereintrag mit: „Entwicklung, Kauf und Verkauf von oekologischen Produkten mit Nachhaltigkeit.“

„Da wurde für viel Schwung gesorgt, und dabei auch Geld verloren“, so sieht es Ueli Nebiker aus Sissach, der über seinen landwirtschaftlichen Handel die Szene aus dem eff-eff kennt. Denn neben der Birosto AG ging im Zusammenhang mit dem Chinaschilf mindestens eine weitere Firma in Konkurs: die Orsena Life in Böckten, wiederum von Ruedi Speiser ins Leben gerufen unter Beteiligung der Tochter eines Baselbieter Industriellen. Desweiteren hatte eine Verpackungskonstruktionsfirma existiert. Auch hier wurde über persönliche Kontakte das Aktienkapital aufgetrieben. Das finanzielle Desaster zog auch manches zwischenmenschliche Verwürfnis mit sich, die es ein paar Beteiligten nicht erlauben, heute über ihre damaligen Erwartungen und Hoffnungen zu reden.

Felix Zivy, an dessen Domizil die Birosto zuletzt angemeldet war, sieht es dennoch gelassen, und sagt mit leichtem Humor: „Da wurde übersetzten Räumen Platz gegeben. Jetzt muss ich die Birosto auch noch liquidieren, sonst ist ja niemand mehr da weit und breit. Der Erfolg hat viele Väter – der Misserfolg keine...“ Wie viel Geld der Kaufmann verloren hat, mag er gegenüber der bz nicht preisgeben. Es war ein Experiment, sagt er. 

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Chinaschilf oder Elefantengras

 

Anfang 90er Jahre machte das Schlagwort von den nachwachsenden Rohstoffen in Deutschland die Runde, die der Landwirtschaft aus der Ertrags- und Anbaukrise helfen sollte. Natürliche Rohstoffe, so die Überlegung, sollen synthetische Materialien ersetzen und auch zur Energiegewinnung eingesetzt werden, sei es als Treib- oder Heizstoff, zugunsten des ortsnahen Prinzip statt Erdöl. Das Riesengrasgewächs Chinaschilf oder Elefantengras (Miscanthus) bringt Eigenschaften mit, die es als Rohstofflieferanten geeignet erscheinen lassen, bei, soviel man weiss, erstaunlich bodenschonendem und anspruchslosem Verhalten, weil es ohne Düngung auskommt. Der praktischen Verwertung steht seine erst teilweise erforschte Eignung des Fasermaterials entegegen, zudem ist sein Verbrennungsverhalten – wie z.B. auch bei Stroh – erstaunlich extrem, und technisch schwer in Griff zu bekommen. Angesichts der weltweit fallenden Rohstoffpreise, parallel zu einer enormen Entwicklung neuer, synthetischer Stoffe auf Erdölbasis, geriet das Chinaschilf doppelt in die Klemme. War die Optik früher eher etwas einseitig auf Chinaschilf ausgerichtet, gilt sie heute als eine von vielen geeigneten Pflanzen für nachwachsenden Rohstoffe, deren Potential es im Auge zu behalten gilt. Nach wie vor verfolgen viele Länder auf der Welt millionenschwere Forschungsprogramme.

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Steuern und Staat: Urs Steiner

 

17.8.02 "Konsequente Finanzpolitik geht nicht mit einem Lächeln auf den Lippen", sagt alt Landrat Urs Steiner, FDP Laufen, der seine dritte Legislaturperiode zugunsten eines neuen Jobs vorzeitig beendet. Als Vize-Präsident der landrätlichen Finanzkomission galt sein Augenmerk der Balance des zwei Milliarden-Franken Haushalt des Kantons. Der bz sagt er voraus, dass weitere Einspardebatten die politische Agenda bestimmen werden.

Trotzdem bewertet er die Abschaffung der Erbschaftssteuer, die er mit Engagment verfocht, als Erfolg. Wenn die grossen Steuerzahler dem Kanton erhalten blieben, sei unter dem Strich mehr gewonnen als wenn sie an günstigere Orte umzögen, zeigt er sich über den künftigen Erfolg zuversichtlich.

Steuern und Staat – das ist das Thema, das Urs Steiner seit Beginn seiner politischen Karriere beschäftigt. Er hatte die Gemeindefinanzen seiner Wohngemeinde als erstes wieder ins Lot bringen. Eine "Riesenaufgabe" für Laufen erinnert er sich, wo er erst als Gemeinderat, dann als Stadtpräsident (noch bis zum Ende dieser Periode) amtierte. Mit kräftigen Einschnitten wurde die Gemeindekasse saniert. Heute ist sie wieder so intakt, dass sich das Städtchen Infrastruktur für Sport und Kultur leistet. Steiner sieht für den Erfolg einen Umstand verantwortlich: "Dank unserer bürgerlichen Regierung konnten wir die Massnahmen in Einigkeit und ohne Reibungsverluste durchführen."

Steiner, ein engagierter "Tschütteler" und Sportfan, fand sich in der Politik wider Erwarten wieder: "Ich war ein typischer Fall als Listenfüller. Kollegen hatten mich gebeten, mit meinem Namen herzuhalten – garantiert ohne Erfolgsrisiko." Steiner lacht – er wurde prompt in den Gemeinderat gewählt. Seine Sportlerfreunde, aber auch seine über zehnjährige Sportberichterstattung in der Lokal- und Regionalpresse, hatte ihm vermutlich wider Erwarten zu einer grösseren Popularität als gemeinhin erwartet verholfen. Nun gebietet der Sportler-Ehrenkodex Fairness und Kooperation – so folgte also der langjährige Einstieg in die Politik.

Dem Wahlruf in den Landrat folgte er als treuer Bürger seiner Stadt und als "Berntreuer Laufentaler ohne Fehl und Tadel" – zur Überwachung der sogenannten Laufental-Verträge durch den Kanton Basel-Landschaft. Er erinnert sich: "Man hatte uns gewählt, damit wir die Korrektheit der mit dem Anschluss verbundenen Vertragsprozedere überprüften." Heute sei die Sache für ihn abgehakt. Wenn er auch den Kanton für ziemlich zentralistisch regiert hält, und der alten Gemeindeautonomie unter Berner Herrschaft ein wenig sehnsüchtig hinterherblickt.

Seine Laufental-Erfahrung betont einen Aspekt der Tätigkeit diesen alt Landrates sehr: Kooperationsbereitschaft über Bestehendes hinaus zulasten lieb gewordener Verhältnisse. So sieht er vorbestehende staatliche Bewandnisse als verhandlungsfähig. Konkret: "Die Baselbieter müssen vermehrt anstreben, zur Steigerung der Effizienz ihre Grenzen zu überwinden und in der Region eine differenzierte Zusammenarbeit auszubauen," unterstreicht er. "Unterhalb der Gemeinden, aber auch innerhalb der Nordwestschweiz. Wenn jeder kleinkariert auf seinen althergebrachten Besitzständen verharrt, verlieren letztlich alle." 

 

 

Neues Drehbuch für die Kantonale Ökopolitik

2.8.02 Erstmals tritt das „Nachhaltigkeitsforum“ der Bau- und Umweltschutzdirektion in Erscheinung: Unterstützt werden „Lokale Agenda 21“- Programme, ein Konzept für „Nachhaltigkeitskontrolle“ wird erarbeitet, das gleichzeitig als Drehbuch für die neue Ökopolitik gilt. Ferner soll die Kommission zu einem späterem Zeitpunkt zum regierungsrätlichen Ökobeirat aufgewertet werden.

 

Liestal. Präzis seit zwei Jahren tagt das „Forum für eine nachhaltige Entwicklung im Kanton Basel-Landschaft“ (s. Kasten), ohne dass jemand bis heute davon gross hätte Kenntnis nehmen müssen. Ins Leben gerufen wurde das Gremium als beratende Kommission von Regierungsrätin Elsbeth Schneider. Nachdem der Gesamtregierungsrat erste Vorschläge abgesegnet hat, wurden im Juli Aktionen festgelegt, bestätigt Alberto Isenburg, Vorsteher des Amtes für Umweltschutz und Energie (AUE), der BaZ.

 

Öffentlichkeitswirksame Wirkung wird das Aktionsprogramm „Lokale Agenda 21“ in einzelnen Gemeinden erfahren. Für voraussichtlich zehn hat der Kanton Unterstützung zugesagt, in Zusammenarbeit mit dem Gemeindeverband. Zu den ersten Lokale Agenda-Gemeinden zählt die Bau- und Umweltschutzdirektion: Nenzlingen, Bottmingen, Binningen, Brislach, Oberdorf, Reigoldswil, Reinach und Arlesheim. Man befinde sich im Einvernehmen über erste Schritte, sagt Alberto Isenburg und sieht der weiteren Programmentwicklung mit Interesse entgegen. Die „Lokale Agenda“ will, dass globale Umweltziele lokal umgesetzt werden, gemäss dem Uno-Umweltprogramm von Rio 1992.

 

Regio-Wissen nachhaltig bündeln

 

Einen weiteren Schwerpunkt sieht Isenburg in der Schaffung eines „Nachhaltigkeits-Kompetenzzentrums“. Gemeint ist, dass Institute der Fachhochschule beider Basel, der Universität Basel, der Stiftung Mensch-Gesellschaft-Umwelt (MGU) an der Uni, das Ökozentrum, und möglichst grenzüberschreitend, weitere, in so etwas wie einen Forschungsprogramm-Verbund eingebunden werden sollen. „Wir erhoffen uns dadurch eine Bündelung der vorhandenen Kompetenzen, die jede für sich schon einen herausragenden Stellenwert haben“, bemerkt Isenburg. Diese Arbeiten sind derzeit Gegenstand von Koordinierungsgesprächen der Beteiligten. Der Regierungsrat bewilligte die Konzeptidee. Beteiligt ist Stefan Schaltegger (Uni Basel heute Lüneburg), der das Konzept der „Schadschöpfung“ für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung prägte und z.B. die Hoffmann-LaRoche beim Ökomanagement beriet.

 

Das Baselbiet verhalf der Umwelt früh zu einem besonderem Stellenwert: Anfang 80er rückte Staatsrechtler René Rhinow das Thema vorbildlich in die Verfassung ein, und alt Regierungsrat Eduard Belser legte vor zehn Jahren mit dem Umweltjuristen Jürg Hofer ein bestechendes kantonales Umweltgesetz vor. Wenn heute über Ökothemen diskutiert wird, z.B. über Energiepolitik, dann auf einem hohem Niveau. Das grosse Aber aber lautet: Wie, mit welchen gesetzgeberischen Methoden, wird die Umweltgesetzgebung für das 21. Jahrhundert fit gemacht?

 

Das Nachhaltigkeitsforum nahm den Ball auf, und, wie der Name schon sagt, führte die „Nachhaltigkeit“ ins Feld. Dieser Begriff als Kennwort für Ökopolitik nimmt vor allem konservative Kritik auf, die eine Kluft zwischen Umweltpolitikzielen und Massnahmen kritisierte. Nachhaltige Umweltpolitik wägt demnach Erdpolitikziele gegenüber gesamtgesellschaftlichen Fragen „Kochbuchmässig“ ab, also soziale Gerechtigkeit und Belastung der Wirtschaft. Diese begriffliche Breite ist ihr Nachteil: als Politik kann der Begriff beliebig verwässert und seiner Konturen beraubt werden. Vielleicht wäre der Begriff „dauerhaft-umweltgerecht“ geeigneter.

 

Ökopolitik – was nun?

 

Das „Forum“ setzte zunächst auf methodische Arbeiten. So wartete es die Bestrebungen auf Bundesebene ab, wo ein gleichlautendes Gremium installiert wurde. Genau beobachtet werden auch die Bestrebungen im benachbarten deutschen Bundesland Baden-Württemberg, das bereits eine Nachhaltigkeitsberichterstattung kennt sowie einen Umweltplan. Der Umweltplan der konservativen Stuttgarter Regierung legt die Politikziele fest und sucht sie über bestehende Gesetze zu verwirklichen. Alberto Isenburg sagt: „Unser Traumziel wäre auch ein Umweltplan, aber das dauert eine Weile.“ Zunächst hat der Regierungsrat grünes Licht gegeben für eine Öko-Berichterstattung mit Nachhaltigkeitsindikatoren.

 

 

 

Ein Forum für Nachhaltigkeit

 

2.8.02 Liestal . Das „Nachhaltigkeitsforum“ ist eine beratende Kommission von Regierungsrätin Elsbeth Schneider bzw. der Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD). Die Mitglieder sind von der Regierungsrätin ernannt worden. Das Forum berichtet der Direktion, die wiederum die Vorlagen für den Regierungsrat herausfiltert. Ziel wäre, dass die Gruppe aufgewertet und irgendwann als regierungsrätliche Kommission arbeiten könnte. Als Mitglieder der Kommission wurden im Juli 2000 ernannt: M. Ballscheit, Läufelfingen, Pfarrerin, M. Fischer, Geschäftsleiter Müller AG Verpackungen, Münchenstein,

Vizepräsident Handelskammer beider Basel, C. Franklin, alt Geschäftsleiterin WWF Schweiz, Zürich, S. Frey, Chef Stab Nachhaltige Entwicklung, Bundesamt für Raumentwicklung, Bern, Dr. M. Handschin, Arzt, Gelterkinden, L. Häring, Mitglied des Jugendrates BL, Pratteln, Ch. Kilchherr-Bianchin, Primarschullehrerin und Hausfrau, Reinach, Prof.Dr.O.Renn, Leiter Akademie für Technikfolgeabschätzung, Stuttgart bzw. Christian D. Léon als Stellvertreter, Regierungsrätin E. Schneider, BUD, H. G. Bächtold, Amt für Raumplanung, Dr. A. Isenburg, AUE , BUD, Th. Ilg, AUE, BUD.

 

 

Vom Risiko zur Umweltpolitik

 

„Wir müssen in der Umweltpolitik für neuen Schwung sorgen“, sagt der Technikfolgenforscher und Sozialwissenschaftler Ortwin Renn aus Stuttgart, der das Baselbieter Nachhaltigkeitsforum berät.

 

Liestal/Stuttgart. „Man kann das natürlich schon als knackige, neue Verpackung für altbekannte Inhalte sehen“, sagt Ortwin Renn im BaZ-Interview, befragt zur Bedeutung von „Nachhaltigkeit“ und „Lokale Agenda 21“. „Aber wenn wir eine Umweltpolitik für dieses Jahrhundert breit bekanntmachen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass das Thema in der Bevölkerung wahrgenommen wird.“

 

Wenn Ökopolitik zum Job wird

 

Der Sozialpsychologe ist Direktor der Akademie für Technikfolgen-Abschätzung in Baden-Württemberg (Stuttgart), Professor für Technik- und Umweltsoziologie (Stuttgart) und, u.a., Rat des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Berlin. Seine wissenschaftlichen Risikobewertungskonzepte und seine Nachhaltigkeits-Indikatorenstudien werden in Gremien der Uno sowie der OECD (Organisation der entwickelten Industriestaaten) berücksichtigt. Er vertritt einen neuen Typus Ökopolitik-Berater. Seine Tätigkeit entspringt seinem wissenschaftlichen Job.

 

Der Schmutz ist weg – neuer Schwung gesucht

 

Früher wurde Umweltpolitik durch Protest: Als von Birsig bis Ergolz die Gewässer unansehlich wurden, entstand die Gewässerschutzpolitik. Als das Öl teuer und der Atomstrom als zu riskant eingestuft wurde, entstand die Energiepolitik. Als die Luft zu dick wurde, gabs Luft für den Luftreinhalteplan beider Basel, usw. Renn erkennt: „Wir müssen uns stets über die Folgen für die Umwelt im klaren sein. Wir müssen aber aufhören, die Natur nur abschnittweise zu heilen. Was wir brauchen, sind ganzheitliche, eben nachhaltige Lösungen.“

Letztlich geht es bei der Ökopolitik um Risikoabschätzungen, die Menschen treffen. Ist die Umweltverschmutzung ein Risiko für mich, ja oder nein? Entsprechend wird er handeln, für Gesetze und Ausgaben stimmen, oder eben nicht. Aber: „Das Risiko als solches zu diskutieren ist natürlich ein plattes Thema, das niemanden hinterm Ofen hervorlockt.“ Renn plädiert eher dafür, der Sache neuen Schwung zu verleihen durch Programme wie z.B. „Lokale Agenda 21“ (s. nebenstehender Text).

Aber was ist, wenn die Baselbieter nach anderthalb Jahrzehnten engagierter Graswurzel-Umweltarbeit die Nase voll haben von immer neuen Aufrufen? Ortwin Renn räumt ein, dass dies ein Problem sein könnte. Er ist aber optimistisch: „Wichtig ist, dass die ‚nachhaltige’ Politik von der breiten Bevölkerung aufgegriffen wird. Dazu zähle ich auch Wirtschaftsleute, die Schulen, vor allem auch junge Menschen, die heute mit einem ganz anderem Bewusstsein an die Sache herangehen als die alten Bürgerinitiativler.“ Renn räumt ein: „Ohne ein neues Engagement wird ein Programm Lokale Agenda kaum weiterkommen.“

 

Neue Ökoziele für wirkungsvollere Ökopolitik

 

31.7.02 Die kantonale Umweltverwaltung wird neu ein Auge werfen auf das Öko-Monitoring, die Nachhaltigkeitsberichterstattung, die Umweltmedizin und den Autoverkehr. Die Umweltkontrolle soll wirkungsorientierter werden, um die bisherigen Erfolge abzusichern und neue anzustreben, teilte gestern das Amt für Umweltschutz und Energie mit.

 

Liestal. Wenige Kantone integrierten ihre Öko-Ziele so früh und so weitgehend gesetzlich wie das Baselbiet –das Thema ist ein „Evergreen“. Aber: „Wir müssen unsere neuen Vorhaben mit Realismus anpacken“, sagte gestern Alberto Isenburg, Vorsteher des kantonalen Amtes für Umweltschutz und Energie (AUE), bei der Vorstellung des Jahresreports 2001, der über Vollzugs-„Highlights“ berichtet. Das AUE überwacht das Energieverbrauchs- und Umweltgeschehen, führt politische Kontrollvorgaben aus und muss als Fachbehörde Instrumente für modernes Umwelthandeln vorlegen.

Ins Zentrum rückte Isenburg neue „strategische“ Konzeptionen, mit denen die Dauerherausforderung Umweltschutz weiter gewonnen werden soll. So soll die übliche Berichterstattung der kantonalen Verwaltung an den Landrat (Jahresrechnungen, Jahresberichte der Ämter und Direktionen), mit Öko-Indikatoren auf ihre Öko-Wirkung bzw. Nachhaltigkeit kenntlich gemacht werden. Gesprochen wird von Öko-„Monitoring“ bzw. Nachhaltigkeitsreport. Wenn z. B. eine Strasse saniert oder ein Gesetz erlassen wird, ist dies „Projekt“ gesamthaft zu erfassen, nicht alleine Finanz- und Raumaspekte. Ähnliches führt Baden-Württemberg ein, wo eine Zusammenarbeit gesucht wird.

 

Kantonale Ökotoxikologie gefordert

 

Neu will Isenburg mehr als nur Schadstoffausflüsse (Emissionen) nachkontrollieren, sondern auch deren gesundheitliche Auswirkungen gleichzeitig abschätzen können. Ökotoxikologische bzw. umweltmedizinische Kompetenz soll neu etabliert werden als Fiebermesser der Schadstoffauswirkungen. So machte der Bund mit dem Plan „Umwelt und Gesundheit“ erste vergleichbare Schritte.

Von der Umwelt- (Lärm, Strassenbau, Abgase) aber auch von der Energieseite (Energieverbrauch) her, hat der Verkehr grosse Auswirkungen, besonders auch durch den Transitverkehr her – gleichzeitig gilt die kantonale Politik als Gesetzgeber als nahezu machtlos. Dennoch sieht sich Alberto Isenburg herausgefordert: „Es wäre ein Schritt, wenn wir ämterintern in Sachen Automobilität eine Zusammenarbeit erreichen.“

 

Härtere Ökoziele bei Sparbefehl

Nach Jahren der Reorganisation und des Führungsvakuums an der Amtsspitze, entwarf Alberto Isenburg gestern ein ambitiöses Strategieprogramm, das sich nach Wirkung und Zielorientierung bemessen lassen soll. Wobei es finanziell härter zur Sache geht als vor Jahren. Neu ist: es gibt praktisch keine Ausbaumöglichkeiten. Isenburg sagte: „Unsere Ziele müssen wir durch Reorganisation erreichen, da wir bereits harte Sparauflagen erhalten haben.“

Im letzten Jahr standen, wie gesagt, AUE interne Umstrukturierungen auf dem Programm: Neu gibt es die Dienstbereiche Stoffe, Wasser, Energie und Boden. Schwerpunktmässige bearbeitet wurden: die Altlastenfragen (alte Chemiemülldeponien, PCB in Baumaterialien); im Bereich Gewässer der Generelle Entwässerungsplan und die Uferrenaturierung; die Bodenüberwachung wird fortgeführt sowie die Bemühungen um Energieeffizienz im Gebäudetechnikbereich.

 

 

Energiekanton: mit Effizienz an die Spitze

Liestal. Im Jahr konsumiert der Kanton soviel Energie wie in was steckt...? Der halbe Wald müsste verheizt werden, im Jahr zwei wäre der Planet BL schon Wüste. Dieses Bild zur „Nachhaltigkeit“ des Gesamtenergieverbrauchs zeichnete Andreas Christoffel vom Statistischen Amt bei der Vorstellung der Energiestatistik 1990-2000. Niedergelegt sind darin die Zahlen zum Verbrauch, der heute 6,5 Prozent höher liegt als vor zehn Jahren. Obwohl der Ökowärmebereich (Holzschnitzel, BHKW-Wärmeverbunde, Solarboiler) boomte, gabs überall auch Konsumzuwächse, mehr noch beim Erdgas als beim Heizöl. Weil die Menschen statistisch gesehen immer mehr Wohnraum beanspruchen (=mehr Haushaltsenergie), wächst dieser Bedarf überproportional. Zudem lief das Industriegeschäft der 90er gesamthaft sehr gut – bei zum Teil massiv effizienterem Energiekonsum als z.B. der Haushalte. AUE-Mitarbeiter Felix Jehle orientierte dazu: „Das Thema Effizienz ist das wichtigste im Energiebereich.“

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