|
BuchDurchsicht Strom |
Staat und StromBernhard Stier beschreibt in "Staat und Strom" die politische Steuerung des Elektrizitätssystems in Deutschland von 1890-1950 - am Beispiel Baden-Württembergs. Die aktuelle Bibel für Regionalgeschichtler. Mit dem ABB-Wissenschaftspreis ausgezeichnet. |
„Thüringen im Strom der Zeit“ schildert die Entstehung eines Überlandwerkes, der heutigen „TEAG.“ Thüringens Fürsten waren im 19. Jahrhundert schon aus Prestigegründen interessiert und bemüht, an ihren Höfen zunächst Stadtgas, dann auch Elektrizität einzuführen. Ansonsten sorgten die Textil-Manufakturen, die sich an den vielen Wasserläufen niedergelassen hatten, für Strom in Gemeinden und Quartieren. In dieser mitteldeutschen Provinz - im „Klassik“-Dreieck von Weimar-Jena-Gotha - , flankiert von Harz und Erzgebirge, wurden nachweislich um 1877 erste elektrische Lichtbogenlampen eingesetzt, wie z.B. in der Färberei Hirsch in Gera. Dies neue Bogenlicht erlaubte den Färbereien eine verbesserte Qualitätskontrolle, im Gegensatz etwa zu Petrollicht. Strom hatte auch deshalb in Thüringen eine für Deutschland relativ frühe Chance, da die Kohle von weit hergeholt werden musste. Dagegen waren Fluss- und Bachläufe reichlich vorhanden. Dies zeigen Zahlen der installierten Kraftanlagen: 1846 zählte man 1557 Wassermühlen, 223 Windmühlen, 34 Göpel und nur zwei Dampfmaschinenanlagen. Nach 1866 eröffneten sich für die Müller betriebliche Verbesserungen durch Strom, aber auch die Möglichkeit, Überschuss- und Nachtstrom gewinnbringend weiteren Kunden zu verkaufen. Da sie die neuen Generatoren zunächst nur an die bestehenden Transmissionen anzubinden brauchten, die die Mühle antrieben, und jeder weitere Schritt bedarfsgerecht vorgenommen werden konnte, waren die Kosten erträglich. Die Müller waren es später, in den 1920er Jahren, die eine Opposition gegen die aufkommende Verbundwirtschaft anführten. Ihre starke Stellung behielten sie teilweise bis nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Unter dem DDR-Regime wurden diese Betriebe– mit Ausnahmen – verstaatlicht. Erst dies führte in den 50er Jahren dazu, dass die thüringischen Elektrosysteme vereinheitlicht wurden. Bis dahin hatten viele unterschiedliche Wechsel- und Gleichstromsysteme nebeneinander bestanden. An diese Zeit erinnert noch heute die Obermühle in Herbsleben, die als eine der wenigen in ihrer ursprünglichen Form überlebt hat. Ausgehend von den Klein- und Mittelstädten sowie Industrie-Gemeinden, entstanden bald über 170 Klein- und Kleinstelektrizitätsgesellschaften bis zur Jahrhundertwende. Sehr schön schildert das Buch das Hin- und Her zur Gründung eines EW, am Beispiel von Schmalkalden. Gestreift wird, dass kleinere Gemeinden ohne Industrie zur Form der Genossenschaft griffen, um gemeinsam irgendwie ans Stromnetz gelangen. Im Ersten Weltkrieg erhielten die Bauern dann auch staatlicherseits Sukkurs, mit Elektrizität ihre Produktivität zu erhöhen. Mit der Zeit hatten die Ortsversorgungen Lieferschwierigkeiten, vorab bei Kraftwerksproblemen. Mit Verbunden sollte dies Problem gelöst werden. Eine der Vorläufergesellschaften der „TEAG“, die Thüringische Landeselektrizitätsversorgungs Aktiengesellschaft, wurde 1923 von Staat, Städten und Privaten gegründet, um eine „Landessammelschiene“ zu errichten. Die Sammelschiene sollte interessierten Werke Aushilfsenergielieferungen ermöglichen. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Strombedarf der Carl Zeiss, die mit ihren vielen Kraftwerken aber auch an neuen Absatzgebieten interessiert war. Gemeinsam errichtete man erste Hochspannungstransversalen, um an die Bayerische Grosswasserkraft und die Ruhrgebiets-Kohleverstromung heranzukommen. Zudem konnte gemeinsam der Ausbau der Oberen Saale, mitsamt Pumpspeicher für Spitzenenergie, finanziert werden. Der Autor Hanno Trurnit verfolgt, auf der Grundlage von breit recherchiertem Quellenmaterial, chronologisch die Elektrifizierung der Thüringer Stammlanden. Dabei fällt auf, wie viel aktuelles elektrizitätsgeschichtliches Material über diese Region vorliegt: Siegmar Neuhaus und Peter Lange, sowie die Geschichtsteams der TEAG, haben in dieser Richtung viel unternommen – dies betrifft vorab die Zeit bis 1945. Hier liegt auch eindeutig das Schwergewicht des Buches. Die Kriegszeit wird anhand der reichswirtschaftlichen Massnahmen dargestellt. Herausgegriffen wird, wie konkurrierende Elektrizitätswerke in ihrem makabren Expansionseifer um die Elektrifizierung des KZ Buchenwald stritten. Festzuhalten bleibt, dass jüdischen Mitbürgern ihre Elektrizitätsgeräte in der Regel als wertvolles Gut weggenommen bzw. „arisiert“ wurden. Deutlich wird dabei, dass in Deutschland die Aufarbeitung des Kapitels Stromwirtschaft und NS-Regime auf seine Erledigung wartet. Interessant für Aussenstehende ist das Kapitel über die sozialistische Elektrizitätswirtschaft, die in groben Zügen über das Geschehen informiert. Der Aspekt der zentralen Elektrizitätsverwaltung verdient hier Beachtung - tendenziell drängt ja der Strom nach Zentralisierung; aber hier klappte es nicht. Gestreift werden Netzaufbau und Elektrizitätswirtschaft nach dem Fall der Mauer, die nicht unumstritten waren. Zahlreiche Illustrationen komplettieren das Werk. Aufgeblättert wird ein bunter, detaillierter Bilderbogen über die mitteldeutsche Elektrizitätswirtschaft, der mit Episoden und Episödchen Licht in die Alltagsgeschichte wirft. (17.12.01) |
Erfolgreiche Elektrifizierung dank pleitenreichen Investments100 Jahre Elektrizitätswerk Wynau 1895-1995 Bis nach der Jahrhundertwende war der Energiesystem-Entscheid zwischen Petrol, Stadtgas, und Druckluft noch offen, wie das Beispiel Langenthal zeigt. Das Elektrizitätsnetz heute beruht auf übersteigerten finanziellen Erwartungen der damaligen Akteure, und zahlreichen, späteren notgedrungenen Verlusten. Ohne (im nachhinein unrealistischen) Hoffnungen auf Gewinn, wäre jedoch keine Stromversorgung zustande gekommen. Die ländliche Schweiz liess viel Zeit verstreichen, bis sie sich die Elektrifizierung zu nutze machten. Die Gemeinden warteten ab, bevor sie sich an Elektrizitätsnetzen beteiligten. In der Zwischenkriegszeit übernahmen sie vielfach die Versorgung in eigener Regie und kauften sie aus privaten und anderen Werken aus - aus Gewinnerwartungen. Die Geschichte des Elektrizitätswerkes Wynau ist eine untypisch prototypische Episode der Elektrifizierung des ländlichen Raumes. (01.02)
|
Die Liberalisierung des Strommarktes in der Schweizvon Frank Bodmer und Silvio Borner, in der Reihe WWZ-Beiträge, Chur, Zürich, 2001 Angestellt werden sollen „theoretische Überlegungen, internationale Erfahrungen und eine kritische Würdigung des EMG.“ Andiskutiert werden die Eigenheiten des „guten Stromes“, Absatz, Verteilung, Organisation und Nachfrage der Elektrizitätswirtschaft sowie ökonomische Modelle, um Strom in Marktverhältnissen zu behandeln. Im wesentlichen diskutiert werden das Pool- und das letztlich von der EU bevorzugte „Third party access“-Modell auf theoretischer Grundlage. Verschiedentlich kurz angetippt wird die Problematik des Lastganges und wie dieser unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ökonomisch gehandelt werden könnte. Ein Überblick, der bestehende Literatur auswertet, wird gewährt über die nationalen Marktprogramme in Chile, England und Wales, Norwegen und Schweden, Australien, den USA, Kalifornien, Pennsylvanien-New Jersey-Maryland sowie die Europäische Union. Hier wird ein Augenmerk jeweils auf die wettbewerbliche Marktorganisation geworfen. Als Konsequenz werden vor allem für die Schweiz die Problematik der Durchleitungsregulierung und die der Netzgesellschaftsregulierung angesprochen bzw. ein Augenmerk angemahnt. Einigermassen interessant ist der Länderüberblick, der sich wettbewerbsorganisatorischen Fragen auf der Grundlage ausgewählter Literatur stellt. Dabei wird die Regulierungsdiskussion, wie sie in der EU bzw. in der EG seit Mitte der 80er Jahre geführt wurde, unzulässig verknappt bzw. sogar ausgelassen. Was insofern entscheidend ist, als die EU im wesentlichen die Strommarktfrage erst auslöste. Diese Auslassung ist bedauernswert. Denn die Schweiz war damals nah dran an den EU-Diskussionen. Eine kritische Würdigung der damaligen Überlegungen mit dem Ist-Zustand hätte interessant sein können. Bei der Beschreibung der Marktmodelle und seiner Organisation greifen die Autoren in vielem auf die bundesrätliche Botschaft zum Elektrizitätsmarktgesetz zurück. Schade ist eigentlich, dass der originelle Gedanke dieser Arbeit, den Lastgang marktwirtschaftlich zu tarifieren – nirgends ausformuliert wird, Literatur dazu gäbe es jedenfalls. Da diese Arbeit kurz vor dem Vernehmlassungsstart der Elektrizitätsmarktverordnung erscheint, fehlt eine Besprechung – wieso eigentlich? Bodmer/Borner hätten gut abwarten können. Mit ihrer spät publizierten Arbeit konnten sie kaum zum Diskussionsprozess über das EMG beitragen. Bei einem Werk, das von einem wissenschaftlichen Gremium herausgegeben wird, hätte man mehr erwarten dürfen. Dabei kann berücksichtigt werden, dass die Basler Ökonomen bis dato eigentlich nichts wesentliches zur Debatte der Strom-Ökonomie haben verlauten lassen. Dabei bleibt’s zunächst. Ganz klar mit der heissen Nadel gestrickt, so wirkt die Arbeit von Bodmer/Borner. Im Buchhandel / Verlag
|
Ökostrom - von der Nische zum MassenmarktWüstenhagen begründet die Folgerichtigkeit eines künftigen Massenmarktes für Ökostrom. Er beruft sich dabei unter anderem auf den Boom von Bio-Nahrungsmitteln.
|
Wo nötig, sind Grafiken eingebaut, die Kompliziertes vereinfacht ausdrücken. Zahlenreihen und Kurzchroniken ergänzen es. Dank seiner Genauigkeit kann es durchaus in Österreich und der Schweiz als Nachschlagewerk dienen.
|
AEG, wiederbesichtigtDer Band "Die AEG im Bild" erlaubt auf 200 Seiten einen Blick zurück auf die goldene Zeit der Elektrotechnik. Erstmals wurde eine Sammlung grossformatiger Glasplattennegative, aufgenommen zwischen 1898 und 1929, zugänglich gemacht. In 240 Originalaufnahmen wird die heroische Zeit des Elektrotechnikunternehmens erfahr- und interpretierbar durch die Bildsprache des Industriefotografen, deren restaurierte Werke in neuem Kontext hervorragende Einblicke in diese Zeit und deren Werkplatz erlauben. Der Bildband ist nach Themen gegliedert: Die Gebäude der Maschinenfabrik Brunnenstrasse (Berlin), AEG-Produkte, Menschen am Arbeitsplatz, Expedition, Lehrlingsausbildung, Wohlfahrtseinrichtungen ("Hygiene-Museum"), Erinnerungsphotos. Begleittexte erhellen Material, Sprache und Entstehung der Fotosammlung, die Geschichte des Bildarchivs sowie Facherläuterungen zur Konservierung und digitalen Sicherung von Glasnegativen. Der Band erschien als Dokumentation zu einer Ausstellung des Deutschen Technikmuseums Berlin, das einen grossen Teil des Archivs der untergegangenen AEG beherbergt, verwaltet und technikhistorisch auswertet. Ein vergleichbares Buch zu "Die AEG im Bild" gab es bisher so nicht. Aus den Bildern wird die Zeit des Umbruchs zur Massenfertigung sichtbar: im Grossmaschinenbau wird sichtbar, wie noch nach dem Prinzip der alten Werkstatt gefertigt wird. Schon Jahre später hält der "Fliesstisch" Einzug, an dem Frauen aus über zweihundert Einzelteilen den Staubsauger "Vampyr" montieren - das erste Fliessbandprodukt in Deutschland. Mit der Elektrotechnik zieht das Massenprodukt in den Alltag der Menschen ein, gefertigt von einem Unternehmen, das sich als Künder und Gestalter der Neuzeit versteht - und dies, sorgfältig, bildlich zu verbreiten suchte. Die Bilder der ersten seriellen Elektrotechnik-Komponenten, zum Beispiel Schalttafeln, nahmen noch Elemente der Belle Epoque auf. Diese weichen wenig später der nüchternen Formensprache des Bauhauses, erzählen die Aufnahmen der AEG-Maschinenfabriken. Um im Fabrikquartier ein einheitliches Erscheinungsbild zu ermöglichen, ging man ziemlich weit, so wurden beispielsweise zusätzlich angekaufte Gebäude ihres Stuckschmucks beraubt um auch von aussen als AEG-Repräsentanten erkennbar zu werden, Häuser, die der Verwaltung Platz boten. Deutlich wird der Zeitensprung an zwei klassischen Aufnahmen: dem "Beamteneingang" zum Werksgelände, das vielfach abgebildete, einem Burg- oder Schlosseinlass gleichende AEG-Tor im Wedding. Es liess die Leute in alles andere als ein Schloss eine - hier tat sich vielmehr das schnaubende Reich des Industriezeitalters auf, das bereits am offenen Herzen des wilhelminischen Reiches operierte und einer neuen Gesellschaft den Weg unfreiwillig ebnete. Die devoten Gesten, zu denen sich die Industriellen herbeifanden, vor Kaiser und Adel sprechen hier eine deutliche Sprache - die überwältigende Ästhetik der Maschine im Bild macht diesen Widerspruch überdeutlich. Sie fand ihre Zeichensprache herausragend in der Montagehalle der Grossmaschinenfabrik. Beide Bilder, Beamteneingang und Grossmaschinenhalle, repräsentieren bereits Klassiker der zeitgenössischen Ikonographie. Der Bildband setzt sie in Beziehung zur Elektrotechnik durch die Brille des Zeitgenossen und damit erfahrbar. Dem Interessierten und den Fachleuten erlaubt die hohe Qualität der Aufnahm zahlreiche zusätzliche Informationen. Besonders eindrücklich sind die Aufnahmen der Jahrhundertwende Generatorenteile. Haus-hohe hochästhetische Kunstprodukte, mit der die neue Zeit das Weltgetriebe in Schwung versetzte. Und immer wird der Mensch zur Maschine gestellt - um ihre Dimension und Komplexität besser hervorheben zu können, er ist hier gerade noch dekoratives Beiwerk. Seit den ersten Krupp-Kanonen wurde wohl kaum eine Technik bildsprachlich so präsentiert wie die Elketrotechnik. Die sorgfältige Bildauswahl erlaubt einen Blick auf das Leben der Arbeiter und Arbeiterinnen, diese beherrschten gerade in der Kriegszeit die Maschinenhallen. Während des Ersten Weltkriegs galt die AEG im Volksmund als Waffenfabrik. Frauen arbeiteten in der Waffenfabrik und stellten Granaten und Minen her, die auf den Schlachtfeldern im Stellungskrieg ihre Männer, Kinder und Väter zerrissen. In sorgfältig komponierten Darstellungen illustrierten diese Aufnahmen die kriegstüchtigkeit der Heimatfront und deren Leistungsfähigkeit. Die Bildauswahl in diesem Band umschliesst auch Aufnahmen aus dem Hygiene-Museum, denn aus dem Industriezeitalter erwuchsen neue Gefahren, denen zu begegnen war. Eränzt wird dies durch sorgfältig gestellte Aufnahmen von Sportvergnügungen der zukünftigen "Beamten" der AEG, Szenen aus der Kantine und Fotos der Gemeinschaftsduschanlagen, für die sich die AEG rühmte. Rheinfelden zum Konkursrichter: AEGDie Geschichte der AEG wird rekapituliert.
|
Bremen wird hell. BezugshinweisDer vorliegende, sehr informative Band ist das Ergebnis einer Ausstellung, die Bremen anlässlich seiner Elektrizitätsgeschichte veranstaltete. Bezug
|
1.10.01 Nachhaltige Entwicklung und Innovation im Energiebereich Hrsg.: Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer EntwicklungenVorliegender Band ist das Ergebnis eines "Kick-off-Workshops" zum Projekt "Nachhaltige Entwicklung und Innovation im Energiebereich" aus Sicht der Technikfolgenforschung.
|
1.10.01 Dezentrale Stromversorgung, Tagungsband der Schweizerischen Energie-Stiftung vom 11.5.01/ Fr. 30.-Was sagt die Politik, was vermittelt das deutsche Beispiel, was bringen BHKW, Mikroturbinen, Mini-BHKW, Diesel-BHKW, Brennstoffzellen und Erdgas? Dieser Tagungsband liest sich in eins bis zwei Stunden und vermittelt einen knappen Überblick über die Schweizer Wärmekraftkopplungs-Szene. Seitens Politik liess Hans Luzius Schmid, Bundesamt für Energie, durchblicken, dass praktisch BHKW-Förderung verzichtbar ist, höchstens aber in Kombination mit Elektro-Wärmepumpen. Dagegen sehen Industrie und Private in WKK den "Bandlastproduzenten", der effizienter und ungefährlicher als Atomkraft ist. Wärmekraftkopplung in der Schweiz ist eng mit der Nuklearstrom-Frage verknüpft, bestätigt die SES. Bezug
|
Adressbuch Erneuerbare Energien am Oberrhein17.9.01 Das Werk wurde herausgegeben federführend von der "Fesa" (Förderverein Energie- und Solaragentur Regio Freiburg e.v.) unter Beteiligung deutscher, französischer und schweizerischer Stellen. Zu beziehen bei der Fesa oder nachzuschlagen auf www.fesa.de. Der Adressführer ist zweisprachig gehalten (deutsch/französisch). Das Adressbuch ordnet die Anbieter von Energiedienstleistungen nach den Kriterien: Photovoltaik, Solarthermie, Biomasse, Windkraft, Geothermie, Kraft-Wärme-Kopplung, Energieeinsparung, Solares Bauen und diverses. Mit Einführungen werden die Themen kurz erläutert. Die grafische Aufmachung ist nützlich, die Adressen erscheinen auf den ersten Blick mehr oder weniger vollständig. Auf dem Internet wird es zudem aktualisiert - und erweitert. Das Adressbuch soll regelmässig herausgegeben werden. Seitenanfang
|
|
Basel, Elektronen und Chemie = Walliser Elektrochemie So begann es: 1897 gründeten Basler Kreise, herausragend wird Privatbankier Alfons Ehinger genannt, die "Lonza Elektrizitätswerke und Chemische Fabriken AG." Um möglichst kostengünstig Elektrizitätsenergie zu gewinnen, so die Idee, sollten viele der zahllosen, im Wallis zu Tal stürzenden Gebirgszuflüsse der Rhone, wie diese selbst, ausgenutzt werden. Wie der Name schon sagte, konzentrierte sich diese neue Gesellschaft auf das alpine Gewässer Lonza. Sie entspringt unterhalb des Aletschgletscher-Systems. Sie durcheilt das Lötschental und stürzt dann von Goppenstein nach Gampel im Rhonetalboden. Dabei fällt sie von 1200 auf 600 Meter (Gampel liegt ungefähr auf der Wegmitte von Brig und Sierre). Diese weitgehend brachliegende Schwerkraftenergie für die Elektrizitätserzeugung auszunutzen, liess nicht nur das Herz der Basler schneller klopfen. Industrielle und Kraftwerksgesellschaften jagten sich förmlich Wasserrechte ab, um in Besitz dieser nunmehr kostbaren Gefälle zu gelangen. Dies konnte den Wallisern nur recht sein - die Abtretung von gemeindeeigenen Wasserrechten in Form von Konzessionen bzw. Lizenzen brachte dem bettelarmen Kanton Einnahmen. Zudem liess es Arbeitsplätze erhoffen. Die Lonza AG konnte sich Wasserrechte von Klösterli im Lötschental bis Gampel sichern. Errichtet wurde 1898 die Kraftwerkstation Gampel I, die maximal 3900 PS brachte. Es war die erste grössere Station im Wallis, mit Anfangsschwierigkeiten: prompt barst ein Druckrohr. Die dadurch entstehende Verzögerung machte nichts, da es auch mit der Carbidfabrik haperte, die als Zwilling der Elektrizitätsstation errichtet wurde. Die Elektrizitätsenergie der Lonza sollte veredelt, nicht pur verkauft werden - wohin auch, in dieser armen Umgebung? Der Kraftwerkskomplex war von Anfang an mit Carbidfabrik gedacht. Diese benötigt soviel Elektrizität, dass nur ein eigenes Kraftwerk für deren Bedarfsdeckung in Frage kam. Daher der Name "Elektizitätswerke und Chemische Fabriken." Wieso Carbid? Carbidlampen waren sozusagen die ersten brauchbaren Scheinwerfer. Bis dahin existierten Öllampen, Kienspäne, Petroleumlampen und neuerlich die Gleichstrom-Lichtbogenlampe und die Kohlefaden-Glühlampe. All diese Typen waren störungsanfällig und kontrollbedürftig. Gerade das Eisenbahnwesen mit (damals) hohen Geschwindigkeiten und grossen Sicherheitsbedürfnissen nahm die Erfindung der Carbidlampe begierig auf. Betröpfelt man Carbid (1892 vom Chemiker Henri Moissan entdeckt) mit Wasser, entsteht Acetylengas. Dies verbrennt gleissend hell. So entstand eine Carbid-Euphorie quer durch Europa und Nordamerika. Sie vermochte nicht durch zahllose Unfälle gebremst zu werden, die im Umgang mit dem leichtflüchtigen Gas verursacht wurden (die Alternativen waren genau so wenig harmlos). Erst nach der Jahrhundertwende war die elektrische Beleuchtung so weit technisch verbessert, dass sie gefährliche Beleuchtungsarten erübrigten. Indirekt wurde die Gründung der Lonza AG durch den Nürnberger Elektro-Industriellen Schuckert Mitte der 1890er angeregt. Dieser fabrizierte die Spezialöfen, die mit Elektro-Energie bei 2000 Grad Celsius Kohle und Kalk zu Carbid verschmolzen. Für damalige Zeiten ein unerhört hoch-technologischer Prozess. Schuckert, der bereits mit elektrotechnischen Ausrüstungen (Kraftwerke, Trambahnen, Überlandleitungen, Elektro-Geräte) Erfolg hatte, machte weltweit für sein Carbidverfahren Werbung. Davon liessen sich Ehinger und Co. überzeugen, die nach Rendite-trächtigen Investments Ausschau hielten. So kam es, dass, zwar ein halbes Jahr später als geplant, am 27. August 1898 das erste Carbid der Schweiz erschmolzen wurde. Zuvor hatte eine Staubexplosion die Anlage schwer beschädigt. Nach dem Rohrbruch im Kraftwerk war es der zweite schwere Rückschlag. Dann zeigte sich, dass Schuckerts Verfahren weniger produktiv war als versprochen. Die Lonza AG verbesserte das Verfahren darauf selbst. So oder so war der Grundstein zur Lonza AG gelegt. Bis heute folgten zahlreiche elektrotechnische und -chemische Anlagen. Die Pionieranlagen der Lonza, darunter Gampel, sind allerdings längst stillgelegt, weil sie zu klein waren oder grösseren, neueren Projekten im Weg waren. Zur Story "Lonza verkauft Kraftwerke" Quellen: Lonza AG: "aktuell"-Sonderausgabe zum 100jährigen Bestehen der Lonza 1897-1997, Basel. Aletsch AG: 50 Jahre 1948-1998, Mörel
|
1901-2001Elektra ItingenFestschrift, geb., 72 Seiten, zu Beziehen beim Herausgeber (4452 Itingen, Telefax 061 971 69 20), Fr. 10.- Kleine Darstellung der Dorfelektrifizierung, einiger Besonderheiten sowie Highlights: die Rolle der Säge und ihrer späteren Generatoren (mit Absatz zum Rückliefertarif-Streit in den 50ern) sowie der Aspekt Posamenter und Elektrifzierung. Örtliche Verbrauchsdatengrafik der letzten Jahrzehnte. Abbildung Dorfnetz.Themen-affine Bilder mit ein paar Originalen aus der Dorf-Elektro geschichte. Artikel
|
|
Im Prinzip Sonne - Visionen zum Energiemarkt
Nordmann, Thomas, Schmidt, Christian (Hrsg.), Kontrast AG, Hardstr. 219, CH-8005 Zürich, 2000 ISBN 3-9521287-6-7 Epost Mit "Im Prinzip Sonne" legt der Kontrast-Verlag einen Übersichtsband vor mit journalistischen Wahrnehmungen zum Thema. Ergänzt wird der Band durch eine Faktenübersicht, die u.a. von Thomas Nordmann, einem ausgewiesenem Solar-Experten, mitformuliert wurde. Hier finden sich reichlich Zahlen, Behauptungen und Gegenbehauptungen, technische Begriffe werden verständlich gemacht. Wer ein bisschen auf dem Laufendem sein will, das eine oder andere dazu erfahren will, dem sei es sehr empfohlen. Es ist auch ansprechend aufgemacht. Die ausgesprochen reportagenhafte Aufmachung sorgt für Leben auf den leicht lesbaren 200 Seiten. Durch ein Kaleidoskop wird der Blick auf die Branche geworfen: auf die schweizerischen "Mover" wie Gallus Cadonau,Thomas Nordmann, Michael Grätzel, Ruedi Kriesi, die "2000 Watt"-Gesellschafts-Idee sowie auf deutsche Pioniere (Georg Salvamoser, Ursula Sladek, Bianca Frischer, Adolf Goetzberger) und Ideen (100'001 Dächer-Idee...). Ein Blick auf "Shell Solar" wird riskiert. Mit-Autor Lukas Lessing schildert seine Erlebnisse vom Errichten der eigenen Anlage. Alle Texte lassen sich leicht lesen und vermitteln die verschiedenste Aspekte, die es aus so einer bunten Szene zu berichten gibt. Die reportagenhafte Aufmachung ist einerseits ein Anreiz, andererseits ein bisschen die Schwäche der Publikation. Jedenfalls für ein informiertes Publikum zeigen sich schnell Redundanzen und Allgemeinplätze. Auch der eine oder andere alte Hut, als Wahrnehmungsfigur als scheinbar neu geschildert, vermag nicht eben mitzureissen. Es ist ein oft im ökojournalistischem Spektrum gesehenes Phänomen, das alte Tatbestände mit den Schreibfiguren wie eh und je dargestellt werden. Obwohl eigentlich eine Einarbeitung der immerhin schon letzten zwanzig bis dreissig Jahre Solarenergie-Geschichte in die gegenwärtige Wahrnehmung dringend nötig wäre. Das braucht nicht auf dem Weg zu geschehen, dass man Neuinteressierende vor den Kopf stösst mit Fachlichkeit. Es ist nur ein Fehler zu glauben, nur weil man als Autor ein Thema neu entdeckt, entdeckt es die Welt mit einem auch neu, das tut sie, wenn man bereits Bekanntes neu entdecken würde. Was die Publikation betrifft, sind dies mehr fachliche Anmerkungen. Es soll interessierte Leserinnen und Leser nicht abhalten, zu "Im Prinzip Sonne" zu greifen. Aber schön wäre es schon gewesen, wenn sich die Autorinnen und Autoren aufgerafft hätten, auch die bisherige Perzeption einzuarbeiten und mit dem einem oder anderen Gedanken zu überraschen.
|
|
BuchDurchsicht Umwelt |
U-nterwegs. 90 Jahre Hamburger U-BahnGrossstädtisches Verkehrsverhalten müsse dem amerikanischen Prinzip "time is money" uneingeschränkt folgen. Stattdessen aber stiegen manche Fahrgäste "mit einer Gemütlichkeit ein und aus, als wenn sie im Begriff wären zu Bett zu kriechen", monierte ein Kritiker. Der Umgang mit der Ubahn musste kollektiv erlernt werden.... Über eine der schönsten Untergrundbahnen, die Hamburger Hochbahn, konzipierte das Museum der Arbeit die Ausstellung (und den Katalog dazu): "U-nterwegs" aus Anlass des 90-jährigen Jubiläums. Hamburg boomte nach dem Zollanschluss ans Deutsche Reich. Nach Londoner Vorbild wollte man einen leistungsfähigen Untergrund-Nah-Schnellverkehr, um den beengten oberirdischen Strassenverhältnissen auszuweichen. Eisen- und Strassenbahnverbindungen genügten den Anforderungen nach Massenverkehr kaum noch. Ein erstes Projekt, das ein Konsortium von Siemens und AEG vorlegte, wurden von der Bürgerschaft abgelehnt. Die Elektrounternehmen wollten 90-jährige Konzessionsdauern für ihre Bahn, das war der Stadt zuviel. Diese begann nun selbst eine Ringbahn zu planen und gab 1905 den Startschuss für die Bauarbeiten. 1912 konnte die erste Strecke eingeweiht werden. Von Beginn weg sollte die Bahn und ihre Stationen einen Anspruch auf Modernität erfüllen. So entstanden auffällig ästhetische Haltestellen - und besonders Brücken und Hochbahnstrecken auf Stahlviadukten, z.B. die Strecke Baumwall bis Landungsbrücken, oder etwa der Viadukt über der Isestrasse.
|
Michael Schwelien: Joschka Fischer. Eine Karriere, Hamburg, 2000Zweifellos hat die Partei der "Grünen" in Deutschland in der Geschichte der modernen Umweltbewegungen einen besonderen Platz. Zu ihren Nebenwirkungen dürfte die Geschichte von Joschka Fischer zählen, der sich, an der Macht orientiertend, zeitweise für Umweltinteressen einsetzte - und dem Thema gelegentlich zu neueren Themenkarrieren verhalf, teilweise... Was treibt den "Grünen"-Politiker an? Spielen grüne Inhalte eine Rolle? Ein von Grundsätzen nicht geplagter Politkomödiant - Wenn Joschka Fischer etwas auszeichnet, dann der Drang nach Macht, sprichwörtlich ins Schweinwerferlicht und ins Zentrum der Bühne. Dabei nutzte er geschickt die Möglichkeiten für sich aus, die eine offene, liberale Gesellschaft zulässt. Seine politischen Positionswechsel schätzt er selbst als "Lernprozesse" ein. Wer bei diesem Fortkommen nach irgendwelchen Grundsätzen sucht, die Fischer in die Politik zu tragen sich vornahm, fahndet vergeblich. Fischer passte sich stets seiner "Peergroup" an und versuchte sich als "Leithammel". Dass er dabei geschickt vorzugehen weiss, zeigt seine Frankfurter Zeit, die Anfang 2001 Schlagzeilen machte. Fischer warf nicht Molotowcoctails, nicht aber hielt er jemanden davon ab oder fiel jemandem gar in den Arm. Sicher schürte er ein Klima, dass Gewalttaten förderte. Seine vernebelnden Auskünfte zu den Ereignissen zeigten, dass er, als es "chic" wurde, sich von Gewalt zu distanzieren, die Gelegenheit ergriff, sich an die Spitze der Gewaltdistanzierer zu stellen. Das war sein Ticket, um politisch irgendwie dabeizubleiben. Bei den "Grünen" landete er, weil er wahrscheinlich bei einer anderen Partei nicht hätte so ohne weiteres hätte einfliegen können. Oder er wollte sich diesen beschwerlichen Weg, den "Ochsenweg" in einer grossen Parteiorganisation, nicht zumuten. Dabei instrumentalisierte der geübte Massenveranstaltungsrhetoriker in zwei Jahrzehnten die "Grünen", wie diese ihn instrumentalisierten als Stimmenfang und zum Überdecken des Tatbestands, dass dieser Partei in der jüngeren Vergangenheit Einigkeit und Gestaltungswillen verloren gingen. Wenn es bei den Bundestagswahlen 2002 darum geht, dass die Rot-Grüne Bundesregierung bestätigt wird, wird Fischers Abschneiden interessant zu beobachten sein. Jedenfalls bleibt er einer der beliebtesten Politiker. Das dürfte damit zusammenhängen, dass er ein ausgesprochener medienangepasster Mensch ist, der mit Fernsehen und Presse geschickt umzugehen weiss. Dabei lassen sich nicht wenige Journalisten ein Stück weit blenden, da der heutige Aussenminister eine geschickte Vereinnahmungsstrategie durch Einseifung in persönlichen Gesprächen pflegt, dem die "Geehrten" nur zu gerne mit Willfährigkeit begegnen - mit Erfolg, die Rechnung scheint aufzugehen. Nüchtern betrachtet, ist Fischers politische Bilanz äusserst mager, wie Schwelien in seinem Buch beschreibt. Ausserdem legt der Autor offen, dass Joschka Fischer einige Gelegenheiten ungenutzt verstreichen liess, durch Eigeninitiative den Kosovo-Krieg zu verhindern. Was sich auf diese Art nicht unbedingt in weiteren Kreisen herumgesprochen hat. So bleibt das hartnäckige Image bestehen von Joschka, dem widerstrebendem und opferbringendem Grünenpolitiker. Dabei macht sich eine seltsame Inhaltsleere um den mediensüchtigen Politiker breit. Dass die "Grünen" während ihrer Zeit an der Spitze irgendwie grüne Inhalte in besonderer Weise für ihr Land verwirklicht hätten, beschreibt Schwelien jedenfalls nicht. Vom Prügler zum Anführer deutscher Truppen erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg auf balkanische Schlachtfelder, das ist eine besondere Geschichte mit fröstelnd machenden Akzenten. Denn niemand kann die künftigen Anpassungsdrücke voraussehen, die von Fischer neuerliches Nachgeben abverlangen werden, um an der Spitze zu bleiben. Wenn Politiker nach Kriterien der Verlässlichkeit und Grundsatztreue gewählt werden, wirkt Fischer wie ein politisches Risiko.
|
|
BuchDurchsicht Risiko Risikowahrnehmung |
Jonathan Harr: Zivilprozess. München, 1999"Zivilprozess" - gelesen als Sozialisierungskurs in Sachen gesellschaftlicher Risikowahrnehmung Allzu gern wird vergessen, dass Techniksicherheit meist auf Umweltkatastrophen und Unrechtsereignisse zurückgeht und, erstaunlich eigentlich, in nur wenigen Fällen auf vorausblickendes Handeln. So gesehen, sind Katastrophen Auseinandersetzungen von Risikowahrnehmungs-Prinzipien und Systemlogiken, die um Vorherrschaft kämpfen. Wer etwas über Risikothemenkarrieren und Techniksicherheit erfahren will, braucht nur in der jüngeren Vergangenheit zu forschen. Der amerikanische Autor und Schreib-Professor Jonathan Harr hat mit „Zivilprozess“ einen exemplarischen Umwelt- und Gesundheitsskandal akribisch beschrieben. Eine Gerberei und eine Filiale von W.R. Grace (an der teilweise die Ciba beteiligt war), verseuchten Grundwasserbrunnen in Woburn/Ma. Was zu Anbeginn der Industrialisierung üblich war, wurde später mit Giftmüll fortgesetzt (obwohl Bedenken gehegt wurden). Zunächst verstrich eine zwanzigjährige Leidenszeit der Opfer, vieler Kinder, aber auch Erwachsener, die an Leukämie, Hautkrankheiten, psychische Störungen litten, und auch starben, bis erste Abwehrmassnahmen ergriffen wurden. Sie brachten den Opfern zunächst wenig. Ganz zuletzt wurden ihre Befürchtungen doch bestätigt. Harr schildert, wie das Rechtswesen auf diesen Fall reagiert und wie das Schicksal vieler Menschen von den zufälligen Einstellungen und Befindlichkeiten von ein paar, mehr oder weniger zufällig ausgewählten, Entscheidungsträgern, ihren Netzwerken und Präferenzen abhängen. Harrs Buch beschreibt den Horror der Opfer und die Gleichgültigkeit der Schadenverursacher und ihre Mechanik des Abwedelns und Verschleierns. Es wird deutlich, weshalb sich das Umweltbewusstsein in den 70er und 80er Jahren scharf ins kollektive Gedächtnis einbrannte. Gegenwärtig gibt es wissenschaftliche Kritik, die Risiko-Diskussion sei zu sehr nach Laien- und zuwenig nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtet. Wer Harrs Buch nach diesem Gesichtspunkt liest, sieht solche einseitigen Forderungen widerlegt. Es gibt keinen ernstzunehmenden Hinweis, dass Wissenschaft a l l e i n e seriöse Expertise liefert. Da das Buch 1999 verfilmt wurde, ergibt sich die Frage, wie stark literarisch und künstlerisch aufgearbeitete Risikoinhalte die öffentliche Meinung prägen? Vielleicht mehr als wissenschaftliche Expertisen ("Risikodiskurse")? Wird es einen Zeitpunkt geben, an dem Techniksicherheit vorausschauend geplant wird oder bleibt es beim Katastrophenlernen?
|
Kunst der RisikokommunikationReich
an Fakten, notwendiges Anschauungsmaterial liefernd, anregend, als
Handbuch nützlich, die Rede ist von Otto Peter Obermeiers „Die Kunst
der Risikokommunikation“ (Gerling Akademie Verlag, München, 1999).
Otto Peter Obermeier ist ein Kenner der anwendungsorientierten
Risikokommunikation, wie es nur wenige gibt. Er lehrt in München und
Ulm und leitet die Gerling Akademie für Risikoforschung in Zürich (der
gleichnamigen Versicherungsgruppe). In dieser Hinsicht liefert sein Buch
einen guten Überblick über das Thema, das zu vertiefender
Auseinandersetzung auffordert.
Im
Kern ermöglicht „Die Kunst der Risikokommunikation“ einen Überblick
über Kommunikationsgegebenheiten, der eigentlich für alle
kommunizierenden Entscheidungsträger gesetzlich vorgeschrieben sein müsste,
überspitzt gesagt. Seien es aufgedeckte Vitaminkartelle, Cola-Qualitätsprobleme,
Dioxin-Hühnerfutter, Armee-Reformpläne, Flugzeugabsturze, etc. –
immer ist Risikokommunikation mit im Spiel und wer gegen deren mehr oder
weniger ehernen Gesetze verstösst, ist letztlich selbst schuld. Otto Peter Obermeier erläutert die „Philosophie des Risikos“. Angetippt wird eine fundamentaler, gesellschaftlicher Wandel, der begriffen sein muss um das weitergehende Thema in seiner Tragweite zu verstehen. Heute stehen wird damit auf, dass das Leben eine ungewisse Sache ist. Was irgendwo schon früher geahnt wurde: insecuritas humana – oder eben heute als „uncertainties“. Kulturell vermittelt wird gar: „Life is risk“. Nun sieht Obermeier drei Wege mit Ungewissheit umzugehen: - den magisch-mythischen, - den religiösen und den -merkantil-institutionell-technisch-wissenschaftlichen. Wo
ein Allmächtiger herrscht und lenkt, ist das versehrende Ereignis eine
Strafe oder eine Prüfung. Derjenige, der die Welt strikt rational
sieht, wertet das gleiche Ereignis schlicht als spezifisches Ereignis.
Schon immer bewegten sich die Menschen zwischen Geboten, Verboten und
Tabus. Grenzüberschreitungen sind riskant, bringen logischerweise Vor-
und Nachteile, sie ändern Gesellschaften, aber wer will sich –
letztlich – so schnell ändern wie sie? Schon entstehen gegensätzliche
Interessen und jeder versucht seine Interessenslage als legitimer
darzustellen als die der andern. Dabei geht es zumeist und zunächst um
hypothetische Gefahren und Risiken – was eben den Reiz der
Risikokommunikation ausmacht. Jeder muss beweisen, dass er mehr Recht
hat. Im
Kapitel „Glanz und Elend des objektiven Risikobegriffs“ schildert
Obermeier das verflixte Fabeltier namens Risiko und wie sich
gesellschaftliche Gruppen seiner Macht bedienen wollen. Wie riskant ist
ein Atomkraftwerk? Wie riskant ist Dioxin in Pouletfleisch? Wenn,
wieviel Menschenleben kostet das Rauchen? Als Denkkategorie tauchte
Risiko erstmals in der Versicherungs- und Bankierbranche auf. Als
erstmals Schiffsladungen versichert wurden (in Italien) musste eine
spezifische Unsicherheit, eben ein Risiko, abgewogen werden, um die Höhe
der Versicherungsprämie festlegen zu können. Das gipfelt
beispielsweise in der Risikobemessung eines Atomreaktors. Zwischen einem
Schiffs- und Nuklearrisiko liegen Welten naturwissenschaftlicher
Erkenntnis und entsprechend komplex sind heutige Risikoabschätzungen
(engl. Riskassessments). Aber auch der naturwissenschaftliche Weg, der
empirisch-probabilistische, ist mit einigen Ermessensentscheiden
gepflastert, die natürlich jeder anders vornehmen würde. So gesehen,
sind Risikoanalysen ziemlich anfechtbar – zu Recht und zu Unrecht.
Denn, so sagt Obermeier, letztlich führt an risikoanalytischen
Instrumenten wie den heutigen kein Weg vorbei, um unsere
technisch-naturwissenschaftliche Welt zu beherrschen. Z.B. bei
Arzneimitteln wird dies überdeutlich, es ist ein mehr oder weniger
latenter, mehr oder weniger grosser Entscheidungsnotstand, der mit
Risikoanalysen behelfsmässig überbrückt wird. Das
naturwissenschaftlich-technische Risiko zu vermitteln und zu
diskutieren, stellt schon eine Anforderung an sich. Zum
Risikobegriff gesellt sich - ein weiteres Problem -; der „Gutachter,
Schlechtachter und Missachter“, das sind die Experten. Sie sind für
ganz spezielle Aussagen zuständig, nämlich über das qualitative
Risiko von DDT beispielsweise, oder Viagra, oder den Mercedes der
A-Klasse, oder die nächste Chemiemüllanlage.... Der Experte beherrscht
mehr oder weniger sein Metier und versucht sein Interesse durchzusetzen,
meist eben als Speerspitze etwa eines Wirtschaftsunternehmens, des
Staats (für eine Müllverbrennungsanlage) oder einer Schutzgemeinschaft
(gegen die unsichere Müllverbrennungsanlage). Experten, gerade
Ingenieure, oder, aktuell; Wissenschafter der Molekularbiologie, haben
ziemlich einseitig lange Zeit für sich einseitig das Deutungsmonopol
beansprucht, wie was zu gelten habe (das sicherste Auto der Welt, das plötzlich
auf dem Dach liegt, z.B....) Diese Allwissenheitspose ist den Experten
allerdings schlecht bekommen – die Gesellschaft wurde immer wieder
eines besseren belehrt und Technikfolgenabschätzung ist im vergangenen
Jahrhundert oft genug ein Katastrophenlernen gewesen. Und selten genug räumen
die Experten ein, dass technisch-naturwissenschaftliche Maschinen eben
Katastrophenanfällig sind. Es ist ganz normal, dass Chemieanlagen
gelegentlich in die Luft gehen. Wenn Experten also das Wort ergreifen
wollen, auf eine fruchtbare Weise, dann sollten zwingend die Gesetze der
Risikokommunikation eingehalten werden um mit der Gesellschaft zu
kommunizieren bzw. vermittelt über die Massenmedien. Massenmedien
und Laien, und wer nicht gerade über ein Gebiet redet über das er
Experte ist, ist so gesehen Laie, gehen mit Risiken wiederum anders um
als Experten. In der Region Basel wehren sich beispielsweise auch
Chemiemanager gegen Chemieanlagen, wenn sie an ihrer Wohnanlage
errichtet werden sollen. Laien schätzen Risiken nach simplen kognitiven
Faustregeln ein; mehr oder weniger bekannt, mehr oder weniger furchtbar,
mehr oder wenig handhabbar usw. Dann gibt es aber auch Beweggründe,
einfach weiterhin neben einer grünen Wiese zu leben und nicht neben
einem Sondermülllager, oder die Furcht der Wirtsleute vor dem Fast-Food
Restaurant usw. Häufig wird hier auch mit verdeckten Karten gespielt
und fundamentalistische Konflikte (etwa für die Reinheit der Umwelt,
der Nahrung, der ungestörten Entwicklung der Schöpfung) etc. überdecken
höchst eigennützige Motive. Wobei es auch Kritiker mit uneigennützigen
Argumenten gibt, deren Einwürfe letztlich zu Verbesserungen oder
besseren Rückzügen führen. In der öffentlichen Arena unterliegt die
Risikoabschätzung mangels Expertise eben vielfach habituellen Modi
(Risikoabneigung, Risikobejahung, oder eben Interessengeleitet).
Risikokommunikation ermöglicht diese Ausgangslage von Anfang an
fruchtbar zu gestalten. Noch
komplizierter wird’s, wenn die Massenmedien sich einschalten. Jährlich
explodieren Feuerwerksfabriken in Wohnquartieren, gewarnt wäre die
technisch-wissenschaftliche Welt also. Einmal ist es besonders schlimm
und die Frage wird laut, wieso das so war, weil man es eben doch besser
hätte wissen können. Dann kommt zur Katastrophe der Skandal, Skandale
wiederum haben ihre eigenen Themenkarrieren. Davon abgesehen arbeiten
Journalisten nach Produktionsroutinen, die ihren Storys zu grösstmöglichem
Aufsehen verhelfen sollen. Mit seinen Produktionsroutinen sorgt der
Journalist auch für eine rasche Einordnung der Ereignisse, nach dem
Typus: „Skandal,-weil-bewusst-verschwiegen“,
„Naturereignis-sind-wir-zu-weit-gegangen?“ oder
„Hochmut-kommt-vor-den-Fall“ etc., etc. Wenn Coco-Cola als grosses
Unternehmen arrogant oder gar nicht auf Kinder reagiert, denen das Getränk
nicht bekommen ist, dann kommt eben die Story
„Hochmut-vor-den-Fall“. Das dient den Journalisten und gleichzeitig
der Gesellschaft als „Lern-Fall“, sozusagen. Wer immer also
riskantes Wissen zu verbreiten hat, tut gut daran, die Mechanismen der
Medien genau zu studieren. Ausserdem ist bei Kampagnen auf die
Medienmechanismen abzustellen – wenn ein neues Auto ungeahnt
bombastisch beworben wird und dann bei einem Testlein aufs Dach plumpst,
dann ist das eben ein gefundenes Fressen... Spezieller
wird es im Fall einer Krise – also ein Chemiereaktor geht in die Luft,
die Nato eröffnet den Krieg – und bei der
„Legitimationskommunikation“. Obermeier schildert etwa den Fall
Hoechst als Beispiel für völlig misslungene Krisenkommunikation. Er
entwirft strategische Regeln für eine gelungene Krisenkommunikation und
macht anhand des „Stakeholder“-Konzepts ungefähr klar, wen es im
Krisenfall wie anzusprechen gilt. Unter „Legitimitätskommunikation“
versteht Obermeier praktisch die Notwendigkeit des unternehmerischen
Handelns und, als Legitimation zum Überleben, die stete Beachtung von
Recht und Unrecht. Anhand der Nestlé-Babymilchkampagne schildert er
eine misslungene Rechtfertigungskampagne, die letztlich zum Umbau des
Unternehmens führte. Deshalb schlägt Obermeier ein
„Issues-Management“ vor. Also: „Regeln für ein pragmatisches
Verhaltensmuster bei Konflikten des Unternehmens mit der
Gesellschaft“. Obermeier gelingt es in seinem Band, der an einem Nachmittag gelesen ist, das ganze Gebiet der Risikokommunikation zu überfliegen. Was
mir Obermeier
ein wenig zu inkonsequent schildert, ist dies: nicht alles ist
Risiko-Theater. Atommanager z.B. haben teils durch bewusste Irreführung,
teils durch Arroganz, das nukleare Energie-Patt mitverursacht, das die
Gesellschaft noch Jahrhunderte wird beschäftigen müssen. Dass
Industriebosse durch Taktieren und Verleumden einen berechtigten Zorn
der Stakeholder provozieren, das ist eben nicht mehr nur Inszenierung.
Viele Technikkatastrophen – eben nicht nur mediale Schauerstücke –
sind durch echtes Fehlverhalten, zuweilen auch kriminelles, oder
kriminell unverantwortliches Handeln ausgelöst worden. „Traue nie
Technikverantwortlichen“ schreibt Charles Perrow über „normale
Katastrophen“. Das Gebot der Wahrheit und Anständigkeit müssen als
Hauptüberschrift gehandelt werden, will man über die Kunst des
Risikodialoges reden. Das Thema muss fundamental begriffen werden: „Wir selbst sind aber die Unsicherheit, über die es letztlich zu reden, zu kommunizieren gilt“. Wer nicht sein Verhalten wahrhaft überprüft auf die Standards der Risikokommunikation, der erleidet damit eine Bruchlandung.
|