BuchDurchsicht Stadt und Land

 

Inhaltsverzeichnis

Nah dran, weit weg. Geschichte des Kantons Basel-Landschaft weiter

Die Elektrifizierung des dörflichen Alltages weiter

 

 

Nah dran, weit weg. Geschichte des Kantons Basel-Landschaft

 

Die Anfänge der Elektrifizierung

 

Auf nur einer Doppelseite geht die neue Kantonsgeschichte auf die Elektrifizierung im Kanton ein. (Band 5/S. 20/21). Sie beginnt mit einer kühnen These: dass Escher-Wyss in den 1840er Jahren Turbinen zur Stromerzeugung herstellte. Das ist etwa so wie die Schilderung vom Literaturgrosskritiker Fritz Radatz, Goethe über das Treiben am Frankfurter Hauptbahnhof  staunen zu lassen... 1882 wurde das Kantonale Gesangsfest mit einer mobilen, elektrischen  Beleuchtungsanlage versehen – damit scheint sie im Baselbiet einer grösseren Öffentlichkeit „physisch“ bekannt geworden zu sein. Das geringe damalige Presseecho über diesen Umstand könnte ein Indiz dafür sein, dass Elektrolicht an anderer Stelle, und früher, als Innovation abgehandelt wurde. Anzunehmen ist tatsächlich, dass bereits vorher elektrische Anwendungen im Kanton, wahrscheinlich in Industriebetrieben und/oder den Landbädern, zum Zuge kamen. Dass Elektrizität in breitem Stil nützlich sein konnte, sprach sich spätestens ab den 1870er Jahren herum dank den Gramme’schen Gleichstrommotoren und Generatoren. Lichtanwendungen gab es schon ab den 1860ern. Der erste Direktor der Elektra Birseck, Friedrich Eckinger, wird als Pionier beschrieben. Jedoch war er der Angestellte von Emil Bürgin und den „Elektro“-Alioths. Alles deutet darauf hin, dass Bürgin in unserer Region anfänglich als führender Kopf beim Strom anzusehen ist. Nicht geschildert wird, dass das Baselbiet eine hochpolitische, anhaltende Debatte über die „Sozialisierung des Lichtes“ führte, dass für „private Gewinnaneignung“ zu schade wäre. In der Folge wurde ein Gesetz gegen Aktiengesellschaften beim Strom erlassen. Solche hatten sich schon, ausgehend von Sissach, in den 1880er Jahren formieren zu begonnen – die Politik bremste, ungefähr bis Ende 1890er. Eine zentrale Rolle spielte hier der Sozialdemokrat und Grütlianer Stephan Gschwind, der auch als Begründer von „coop“ gilt. Gschwind kannte das englische Genossenschaftermodell (Rochdale) und setzte dieses für den Strom politisch allgemein durch – wahrscheinlich bildet das Baselbiet hier ein elektropolitik-geschichtliches Unikat ab. Im angrenzenden Badischen (wie in der Stadt Basel) wurde, wie später vielerorts, diese Debatte geführt, dort aber meinte man unter Gemeinwohl gleich „staatlich.“ Es erstaunt, dass dieser Aspekt gerade in der Neuen Kantonsgeschichte mit ihrem alltagswissenschaftlichem Ansatz nicht näher erforscht wurde. Da wurde echt eine Gelegenheit verpasst.

Während in den Baselbieter Hauptorten die Industriebetriebe Dampf aufsetzten, um an die Stromnetze angeschlossen zu werden, fanden sich in den abgelegenen Gemeinden die Posamenter zusammen. Um die hohen Investitionskosten für die ersten Stromnetze aufzubringen, gründeten sie Selbsthilfegenossenschaften. Ob die teure Elektrifizierung den Abschwung der Posamenterindustrie eher noch beschleunigen als aufzuhalten half, wäre eine interessante Frage. Mit Elektromotor und Elektrolicht fanden sich die Posamenter nun in der ungemütlichen Lage, nächtens intensiv arbeiten zu müssen - um auch die Schulden für die Elektroinstallationen abzuzahlen (incl. Umrüstung des Webstuhles).  Zudem entging den Verlegern nicht, dass ihre Heimarbeiter sehr viel produktiver sein konnten, was sie durch Abzug der Produktionskosten zur Geltung brachten. Der Zusammenbruch von Posamenterei, der schleppende Stromabsatz, führten allmählich zu einer Konzentration der vielen Elektra-Genossenschaften auf die heute im Ober- und Unterbaselbiet dominierenden, die Elektra Birseck und Elektra Baselland (abgesehen von Sissach, Itingen, Reigoldswil, Maisprach, Augst – Titterten gab jüngst, 2000, auf.

Als wie gefährlich Strom galt, sei dahingestellt. Jedenfalls war man sich im Klaren, dass eine Begegnung mit Elektrizität unerfreulich verlaufen konnte. Viel gefährlicher war jedoch der damalige Umgang mit Petrollicht im Baselbiet, der praktisch ständig irgendwo Todesopfer forderte. Gerade Kinder fielen dem leicht entflammbaren Beleuchtungsmittel in schöner Regelmässigkeit zum Opfer. Der Leuchtpetroleinsatz, so ab den 1860er Jahren, führte dazu, dass eine Gründungswelle von Feuerversicherungen über den Kontinent hinwegzog. Es liegen zwar wenig Forschungsarbeiten über den Zusammenhang von Petrollicht und Elektrifizierung vor. Unter diesem Gesichtspunkt dürfte Elektrolicht jedenfalls stark begrüsst worden sein. Allerdings muss die Umstellung recht langsam und fliessend verlaufen sein. So wird von sparsamen Hausfrauen berichtet, die Petrollichter unter die elektrische Glühbirne hängten, um Strom zu sparen. Dass durch die Verkabelung der Stromzuleitungen Transformatorenhäuschen überflüssig werden, wie behauptet wird, wäre genauer zu belegen...

Was die Elektrifizierung angeht, ist die Neue Kantonsgeschichte leider, leider unergiebig und eben auch, gelinde gesagt, korrekturbedürftig. Auch Florian Blumers Grundlagenarbeit (Die Elektrifizierung des dörflichen Alltages) ist in diesem Zusammenhang nur als teilweise hilfreich anzusehen, weil sie, eingestandenermassen, vorab auf alltagsgeschichtlichen Beobachter abstellt. Schade eigentlich, dass die Kantonsgeschichte die Elektrifizierung so unterbelichtet gelassen hat. Denn Strom lieferte erst die Ressource, die das Gesicht des modernen Kantons mitprägen half. Ohne Strom wäre Agglomerationsbildung und dezentralisierte Industrie auf breiter Basis undenkbar, ein bisher wenig beachteter Aspekt der Gesichtsforschung. Ohne diese  Voraussetzungen zur Schaffung eines sozial und marktwirtschaftlichen Wirtschaftsgemeinwesens, wäre die Geschichte – gerade auch im Baselbiet - anders verlaufen.

 

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Florian Blumer: Die Elektrifizierung des dörflichen Alltages

1994 veröffentlichte der Verlag des Kantons Basel-Landschaft diese "Oral History-Studie zur sozialen Rezeption der Elektrotechnik im Baselbiet zwischen 1900 und 1960". Florian Blumer ging in zahllosen Interviews den alltagsgeschichtlichen Erfahrungen von Leuten wie "dir und mir" nach. Die Rolle des Dorfelektrikers wird beleuchtet, die Vermittlung elektrischer Wissensbestände, die Rolle der Beleuchtung, des Bügelns, Kochens, Telefonierens, Radios - und des neuen Waschens. Hier sammelte Florian Blumer zahllose, hochinteressante  Zeitzeugen-Schilderungen ein, und präsentiert diese als Aussagenkatalog.

Einführend tippt er die Elektrifizierungsgeschichte des Kantons an - und schildert als Episode den Wettlauf um die Elektrifizierung der Gemeinde St. Ludwig (heute St. Louis). Aber als eigentliche  Elektrifizierungsgeschichte kann dies Kapitel nicht gesehen werden. Allerdings ist seine Prämisse, eine Aussage über die Einführung der Elektrizität durch Erfoschung von zeitgenössischen Deutungskonstrukten durchführen zu können, schwierig zu erfüllen. Es muss nämlich davon ausgegangen werden, dass in den Köpfen der Menschen die Elektrizität sich bereits in den 1860er Jahren niederzuschlagen begann bzw. deren kulturelle, soziale und wirtschaftliche Einordnung. Was leicht zu belegen ist: Schon in den 1880er Jahren gab es Witzpostkarten über den "allelektrischen Alltag." Die ersten Pioniere sahen bereits voll durchelektrifizierte Häuser, incl. Bildtelefon voraus - zu einer Zeit, als die meisten Menschen Strom erst vom Hörensagen kannten. Bereits um die Jahrhundertwende machten sich Karikaturisten Gedanken darüber, wie die Unzahl elektrischer Geräte in einer einzigen Multimaschine zu kombinieren sei, um nicht überall einen Automaten herumstehen zu haben... Blumers Umfragen erfasste Zeitzeugen, die bereits die Durchsetzung des voll ausgebildeten elektrischen Konzeptes erlebten - und auch davon wussten. Der Neuigkeitswert "Strom" war zu dieser Zeit nur mehr noch ein begrenzter, sein Phänomen war bereits alltagsgeschichtlich konstruiert. Blumer liefert so wertvolle Hinweise aus der Zeit, in der Strom voll in den Wettbewerb der Komforttechnologien einstieg.