Dreieckland StromReport  (akt. 08.03.2007 ) Pressebüro © Marc Gusewski  

 

Klaus-Peter Schäffer 

verlässt die EBL

8.3.03 Basellandschaftliche Zeitung weiter

14.1.03 Basler Zeitung weiter

 

Zwischen Atomstrom und "sanftem" Energiepfad

8.3.03 ELEKTRIZITÄTSVERSORGUNG / Seit 1982 prägte Klaus-Peter Schäffer die Oberbaselbieter Elektrizitätsversorgung – heute auch auf „sanfte“ Art. Das war nicht immer so.

 

Liestal. Beim Stichwort Politik verzieht Klaus-Peter Schäffer sein Gesicht. „Ihre Methoden und Vorgehensweisen sind mir fremd“, sagt er der bz, "zu wenig effizient und zielgerichtet". Dabei bewegte sich der zurücktretende Direktor der Elektra Baselland (EBL), dem genossenschaftlich verfassten Oberbaselbieter Elektrizitätswerk, paradoxerweise fast zeitlebens im hochpolitischen Umfeld. Dies löste wechselseitige Spannungen aus. Sie liessen ihn vielfach als kontroverse Figur erscheinen. Sich selber jedoch, so vermittelt er, ist er treu geblieben.

 

Abends von der Handarbeit zum Akademiker

Dabei lehrte ihn sein schwedischer Ferienjob in einer Papierfabrik, um seine Ausbildung zu bezahlen, einiges: „Harte Arbeit mit ‚Büezern’ zu teilen, half mir deren Leben und Denkweisen zu verstehen.“ Da lag Schäffers Entscheid schon ein paar Jahre zurück, sich zu einer höheren Ausbildung durchzubeissen. Sein Vater, ein süddeutscher Regierungsbeamter in Berlin, wurde nach dem Krieg in Gefangenschaft genommen und seine Mutter flüchte mit ihren sechs Kindern aus dem zerstörten Nachkriegsdeutschland in ihre ursprüngliche Heimat – wo sie sich knapp durchschlagen konnte. Schäffer, 1940 geboren, hatte deshalb mit 16 Jahren eine Mechanikerlehre in Thun zu absolvieren, um für den Haushalt mitzuverdienen. Schäffer erinnert sich: 

„Ich lernte Handarbeit zu schätzen. Aber es musste mehr im Leben geben, das wusste ich.“

 

Nach der Lehre ging Schäffer sogleich ans Technikum Burgdorf, absolvierte daneben die Abendmaturität, die ihm den Zugang zur ETH in Zürich erlaubte. Sie beschloss er 1974 mit der renommierten „Kern-Prämie“, der höchsten Auszeichnung der ETH. Sie ging erstmals auch an einen Elektrotechniker. Seine Arbeit erlaubte kurz gesagt, den Gleichstrommotor durchgängig errechenbar zu machen. Diese, heute bis zur Fingernagelgrösse miniaturisierbar, sind verantwortlich für das Funktionieren von PC-Harddisks, Telefonzentralen und Raketen-Schaltern.

 

Früher Atompionier eckte an

Schäffer stand eine Industriekarriere offen – er entschied sich anders. „Während meiner Jobs lernte ich die Arbeitsverhältnisse in den Konzernen kennen, wo jeder zum Rädchen wird – das wollte ich nicht.“ Also entschied er sich für die Lehre, mit einem Abstecher zu den Bernischen Kraftwerken (BKW) als Ingenieur des damals modernsten Kraftwerks: dem Atomkraftwerk Mühleberg. Aber ihm funkte das ihm fremde politische Geschäft ins Metier: ihm war eine Karriere im geplanten AKW Graben angedeutet worden, das Projekt wurde zurückgestellt. Worauf er zur Lehre zurückkehrte: 1975 ans Technikum Muttenz.

 

Als der Disziplin verhafteter Professor hatte Schäffer wenig Sinn für Nachlässigkeiten. Noch weniger für unentschuldigtes Fernbleiben – weil seine Studenten auf der Baustelle des geplanten Atomkraftwerks in Kaiseraugst demonstrierten – schon wieder „Politik!“. Schäffer: „Ich hatte in Mühleberg gearbeitet und war mit der Technik vertraut. Ich verstand diesen Widerstand nicht.“ Der neue Dozent eckte an. In unvermeidlichen Diskussionen erhielt er den Stempel als Atom-Technokrat.

 

EBL heute bei Öko-Energie Spitze

Mitte 80er Jahre, Schäffer war 1982 zum neuen Direktor der EBL gewählt worden, war er und das von ihm geleitete Unternehmen als „Atomstromer“ verschrieen. Als die EBL auf neue Konzessionsverträge für ihre Betriebstätigkeit in den Gemeinden angewiesen war, blockierten die Anti-AKW-Bürgerinitiativen die von der EBL angestrebten Lösungen zugunsten eines ökologischeren und pluralistischeren Strommixes. „Wir mussten schliesslich ‚Konzessionen’ mit der Bevölkerung schliessen, sonst wären wir nicht durchgekommen.“ Zudem war die Zeit des grenzenloses Strom-Verbrauchswachstums der 60er, 70er und 80er vorüber. Gesucht waren neue Geschäftsfelder. Gescheitert war zwar eine Expansion in den Wärmemarkt mit Elektroheizungen, gegen die ökologische und energiepolitische Gründe geltend gemacht wurden...

 

Wieso nicht, so Schäffer, den Ball der Bevölkerung für dezentrale und ökologische Energieerzeugung aufnehmen? 1992 beschritt die EBL unter ihrem alten Direktor einen neu anmutenden Pfad: die „sanfte“ Energieerzeugung. Im oberen Baselbiet entstanden Blockheizkraft-Zentralen und Holzwärme-Nahverbunde. Das Oberbaselbiet ist Schweizweit damit Spitze, und im Vergleich mit den hochsubventionierten städtischen Fernwärmen einigermassen wirtschaftlich – auch wenn es im Vergleich mit „harten“ Energiequellen noch kleine Mengen sind – da liegt Zukunft drin. Schäffer lernte sich in die Möglichkeiten der Erdwärme vertiefen, die am Oberrheingraben eine Rolle übernehmen könnte. Er plädiert heute für Realismus in der Energiepolitik. Galt dem Atomstrom früher seine uneingeschränkte Unterstützung, relativiert er heute:

„Die aktuelle Kerntechnik erfüllt eine Übergangslücke, entweder bis sie sich weiterentwickelt hat und das Entsorgungsproblem gelöst ist, oder bis Energiealternativen wie Erdwärme und Brennstoffzellen ihr Potential erfüllen.“

 

 

 

 

 

 

 

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Vom Atom-Kontroversen zum Elektro-Effizienzler

 

14. Januar 03 - Nach 20 Jahren an der Spitze der Elektra Baselland EBL ist Klaus-Peter Schäffer aus alters- und organisationspolitischen Gründen aus dem Unternehmen ausgeschieden.

Ein kontroverser Stromer und Mitgestalter der Energiepolitik hat die Bühne verlassen. Wider Erwarten mit hellgrüner Einfärbung des von ihm geführten Verteilunternehmens.

 

Liestal/Lupsingen. Eines hat der scheidende Direktor der Elektra Baselland (EBL), Klaus-Peter Schäffer den Freunden des Ökostroms voraus: Die Erfahrung, wie sich Visionen als Fata morgana verflüchtigen können. In seinem Fall betrifft es das Atomstrom-Projekt. Verglichen mit den Visionen der 60er, 70er Jahre, griff es nicht wirklich. Jedenfalls am gewähnten Sachverhalt bemessen, zu billig zu sein, um je lohnend verrechenbar zu werden. Das hiess es in den 50ern wirklich.  Wie solche visionäre Blicke zurückgelenkt werden in die Realität, könnte den Grünkraftwerkern, Schäffers teilweise schärfsten Kritikern, noch bevorstehen.

 

Schäffer selbst hinterlässt ein Werk, mit heute durchaus hellgrüner Signatur, das man ihm so vor zehn, fünfzehn Jahren nicht zugetraut hätte.

Schäffer wuchs im Bernbiet in kargen Verhältnissen auf mit fünf Geschwistern. Dass er Direktor einer mittelgrossen Stromverteilerin würde, war ihm nicht an die Wiege gesungen worden. Zur Lehre ging er bei einer Landmaschinen-Fabrik als Mechaniker, mangels Auskommen für das Gymnasium. Erwachsen, absolvierte er das Burgdorfer Technikum, jobbte, erwarb die Matura nachträglich. Er immatrikulierte sich bei den Elektrotechnikern der ETH Zürich, der Alma Mater des Schweizer Stroms. 1974 promovierte er und erntete - erstmals für sein Institut überhaupt - die Kernprämie. Die höchste Auszeichnung der ETH. Grob vereinfacht gesagt, half seine Arbeit, die Kommutierung des Gleichstrommotors durchgängig berechenbar zu machen und seiner Massenverbreitung damit zum Durchbruch mitzuverhelfen. Sie bewegen heute PC-Harddisk, Raketensteuerungen, Zahnbürsten und E-Loks.

 

Nach dem Studium ging er als Mitarbeiter im High-Tech-Bereich zur Kernkraftwerkswirtschaft: Im Atomkraftwerk Mühleberg, als man noch ein deutlich unverkrampfteres Verhältnis zur Radioaktivität an sich hatte, lernte er frühzeitig diese bahnbrechende Technologie kennen. Dies sollte ihn für sein späteres Leben prägen.

 

Aber schon zwei Jahre später zog es ihn ins Baselbiet an die Ingenieurschule in Muttenz, heute FHBB. Sie suchte einen Dozenten für elektrischen Maschinenbau. Bei den Bernischen Kraftwerken, den Mühleberg-Betreibern, fand er sich aufgabenmässig eingeengt. Auch eine Industriekarriere schloss er aus. 1975 war das Jahr der Bauplatzbesetzung des Atomkraftwerkes Kaiseraugst, als er in Muttenz seine Tätigkeit aufnahm. Die Region, darunter auch seine Studenten, zelebrierte den zivilen Ungehorsam - eine neue Erfahrung für Schäffer - und das gegen ein Atomkraftwerk!

 

Es kam, wie es kommen musste: Zum Konflikt mit dem leistungsbewussten Dozenten und dem im weitesten Sinne des Wortes gefassten „Kerntechnikers“.

 1982 übernahm er die Führung der EBL, wo er sich zuvor für die Stelle beworben hatte. Es galt vorab, diese organisatorisch erstarrte Unternehmung zu modernisieren. Schäffer, einerseits den Umgang mit Menschen gewohnt, andererseits als Ingenieurwissenschaftler mit Technik intim vertraut, half nach. Im Fahrwasser der Kaiseraugst-Kontroverse nahm er mehrfach gegen die allgemeine Lage Stellung. Damit verscherzte er sich Sympathien. Und wurde zum Einlenken bewegt: Ein seit Anfang 80er vorbereiteter Coup der Bürgerinitiativen, der EBL per Konzessionsvertrag eine veränderte Optik aufzunötigen, funktionierte. Die EBL hatte vorgesehen, wie in den Jahrzehnten zuvor, hoheitliche Ansprüche – Monopol, Bedingungsfreiheit – durchzusetzen. Aber erst ein zweiter, pluralistischerer Konzessionsvertrag fand zwei Jahre später Annahme im Volk. Schäffer hatte den Puls der Bevölkerung zu fühlen bekommen, und hatte verstanden.

 

Verfocht er früher das Atomkraftwerk als unumgänglich, so räumt er ihm nun einen Stellenwert als Übergangsenergielieferantin ein. Jetzt ist von Öffnung die Rede. Analog dem Modell der Elektra Birseck (EBM), die schon früher von Publikumsabwehr auf Integration umgeschaltet hatte. 1988  setzte Schäffer als Fachmann erstmals in der Branche durch, dass Solaranlagen unkompliziert ans Netz gekoppelt durften. Er beteiligte sich an der Gründung der Adev Energiegenossenschaft, die als Finanzierungs-Selbsthilfeorganisation vom Ökozentrum, zuvor scharfer Widersacher, ins Leben gerufen worden war. Essentiell war sein Einstieg in die Organisation der Gemeinde-Nahwärmeverbunde. Wo technisch und wirtschaftlich machbar, hilft die EBL, die Energieeffizienz im Kanton zu erhöhen, und vor allem Biomasse – überschüssiges Waldholz – zu verheizen. Die Absage an eine Fusion mit der EBM und damit der Beibehalt des nonprofit Genossenschaftscharakters der EBL, gemeinsam mit einer Zukunftsstrategie und einem hochmotiviertem Team, lassen die EBL derzeit als flott erscheinen. Schäffer selbst sieht Chancen in der Erforschung der Geothermie zur Stromerzeugung in unserer Region für die Zukunft.

 

In Schäffers Zeit fällt, dass erstmals seit etwa fünfzig Jahren der Stromverbrauch stabiler wurde – dieser explodierte genaugenommen seit 1950 und vervielfachte sich auf stets neue Rekordniveaus, ungeachtet der Spardiskussionen der 70er,80er und 90er. Indem Schäffer seine Netztechnik modernisierte, verhalf er seinerseits zumindest zu besserer Stromausbeute. Zum Vergleich: Noch heute betragen die system-inhärenten Leitungsverluste im Baselbiet soviel wie ca. Sissach jährlich verbraucht. Hier schrieb sich die EBL Rationalisierung auf die Fahne, die den Konsumenten verborgen bleibt. Ein kleiner Geniestreich war Schäffers Computerprogramm, den Stromeinkauf der EBL und EBM deutlich preisgünstier zu optimieren, der teilweise auf (berechenbaren) Prognosen und Vergangenheitswerten beruhte.

 

Schäffer jedenfalls, der aus energiepolitischen und aus Altersgründen vorzeitig in den Ruhestand geht, bleibt auf Draht. 

Nun lernt er wieder selbst, als studienwilliger Senior. Stets war er auch willig, Lektionen zu erteilen, sein alter Beruf. So machte er sich um die Volksbildung verdient. Jede EBL-Delegiertenversammlung wurde so durchgeführt, dass die Naturaldividende, das anschliessende Znacht, mit einer Lektion in Energietechnik, Klimawissenschaft, Maschinenwesen oder Energiepolitik abverdient werden musste. In seinen besten Zeiten referierte er über eine Stunde lang. Die jeweils 200 bis 300 Delegierten trugens mit Fassung - Schäffer auch.

 

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